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  <title>ALVERIC</title>
  <subtitle>Kino des Schreckens und andere Albträume</subtitle>
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  <updated>2026-04-27T00:00:00Z</updated>
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    <name>Alveric Vollenweider</name>
    <email>admin@alveric.ch</email>
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    <title>Radikaler Neuanfang</title>
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    <updated>2026-04-27T00:00:00Z</updated>
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    <content type="html">&lt;h2 id=&quot;ein-rueckblick-und-ein-radikaler-neuanfang&quot;&gt;Ein Rückblick und ein radikaler Neuanfang&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Liebe Besucher:innen,&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;dieser Blog hat einen radikalen Neuanfang hinter sich. WordPress wurde durch statisches HTML ersetzt, Cookies, Tracking und Drittanbieter-Dienste sind verschwunden. Was bleibt, ist ein puristischer Blog: Texte, Links und nur in begründeten Ausnahmefällen Bilder. Keine unnötigen Funktionen, kein digitaler Ballast. In den kommenden Monaten werde ich das Design noch weiter verfeinern, aber die technische Basis steht.&lt;/p&gt;
&lt;h3 id=&quot;der-grund-die-rueckeroberung-des-netzes&quot;&gt;Der Grund: Die Rückeroberung des Netzes&lt;/h3&gt;
&lt;p&gt;Ich habe mich dazu entschieden, den Weg des «Small Web» einzuschlagen, einer Bewegung, die sich für ein menschenzentriertes, unabhängiges Internet einsetzt. Als Alleinerstellender habe ich viel Zeit in das Schreiben und Gestalten investiert. Beides machte mir grosse Freude. Nun gebe ich das Gestalten jedoch bewusst auf. Mein Kernantrieb ist die Rückeroberung des Internets, für mich und für euch.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich gehöre zur Generation, die das Netz in seiner ursprünglichen Form erlebt hat, bevor die Algorithmen von Google, Meta und anderen Konzernen den Takt vorgaben. Damals war das Internet ein Abenteuerfeld. Wer das nötige Know-how besass, verstand die Mechanismen und konnte die Sichtbarkeit der eigenen Seiten selbst steuern. Es gab keine undurchsichtigen Blackboxen, die darüber entschieden, welche Inhalte wir konsumieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Heute bestimmen Algorithmen unsere Wahrnehmung, Cookies verfolgen jeden Klick und Konzerne profitieren von unserer Aufmerksamkeit. Dabei wird nicht mehr Qualität belohnt, sondern Quantität. Die Tiefe eines Artikels wird allzu oft der Empörung geopfert. Früher nutzten wir Wissen, um gefunden zu werden. Heute verlangen Plattformen dafür die Preisgabe eurer Daten und meiner Autonomie. Diesen Deal kündige ich hiermit auf. Mir ist bewusst, dass dieser Schritt meiner Website massiv schaden wird, da ich bei den grossen Konzernen an Sichtbarkeit verliere. Doch das ist ein Schmerz, den ich für die Rückgewinnung meiner Unabhängigkeit gerne in Kauf nehme.&lt;/p&gt;
&lt;h3 id=&quot;was-bleibt-und-was-geht&quot;&gt;Was bleibt und was geht?&lt;/h3&gt;
&lt;ul&gt;
&lt;li&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Weg damit:&lt;/strong&gt; Cookies, Tracking, Einbindung von Diensten grosser Tech-Konzerne und die Kommentarspalte. Letztere fällt nicht aus Desinteresse an eurem Feedback, sondern weil sie mich zwingt, Drittanbieter-Dienste einzubinden, die dem Prinzip des Small Web widersprechen.&lt;/p&gt;
&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Bleibt:&lt;/strong&gt; Die Inhalte. Texte, die entstehen, weil ich etwas zu sagen habe. Bilder nur dann, wenn sie eine echte Information vermitteln.&lt;/p&gt;
&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Quellen:&lt;/strong&gt; Links nutze ich künftig vor allem dort, wo sie als Belege und Quellen dienen. Ich möchte, dass meine Inhalte nachvollziehbar bleiben.&lt;/p&gt;
&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;
&lt;h3 id=&quot;die-technische-umsetzung&quot;&gt;Die technische Umsetzung&lt;/h3&gt;
&lt;p&gt;Ich habe WordPress hinter mir gelassen. Die Abhängigkeit von einem riesigen Ökosystem, das mich durch Updates, Plugins und serverseitiges Scripting (PHP) festlegte, passte nicht mehr zu meiner Vision. Was ihr hier lest, wird bereits als statisches HTML bereitgestellt. Dabei verzichte ich konsequent auf serverseitiges Scripting. JavaScript kommt nur noch dann zum Einsatz, wenn es für die technische Umsetzung absolut unabdingbar ist. Ich will keine Software, die mir vorschreibt, wie ein Blog auszusehen hat. Ich will Code, den ich wieder selbst verstehe und kontrolliere.&lt;/p&gt;
&lt;h3 id=&quot;was-bedeutet-das-fuer-euch&quot;&gt;Was bedeutet das für euch?&lt;/h3&gt;
&lt;p&gt;Ihr findet hier künftig eine Seite, die extrem schnell lädt, respektvoll mit euren Daten umgeht und sich ganz auf das Wesentliche konzentriert. Ich tausche Interaktionsraten gegen echte Relevanz. Während das restliche Web immer lauter wird, drehe ich hier die Lautstärke bewusst leiser. Keine Algorithmen, die euch ablenken, sondern nur das geschriebene Wort.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Sollte es in Zukunft jemals zu einer Werbepartnerschaft kommen, wovon ich aktuell absolut nicht ausgehe, werde ich nicht das erstbeste Angebot annehmen. Ich werde genau prüfen, ob ich hinter dem Produkt stehen kann. Es wird hier keine Werbung geben, die nicht zu einhundert Prozent zu meinen Werten passt.&lt;/p&gt;
&lt;h2 id=&quot;einladung-zum-mitmachen&quot;&gt;Einladung zum Mitmachen&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Ich hoffe, dass ihr diesen Schritt versteht oder sogar begrüsst. Vielleicht erinnert ihr euch selbst daran, wie das Internet einmal war: offen, direkt und frei von der Logik der Grosskonzerne.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Kommt mit auf diesen Weg. Setzt eure Bookmarks, abonniert den RSS-Feed und lasst uns gemeinsam ein Stück des alten Netzes lebendig halten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Vielen Dank für eure Treue.&lt;/p&gt;
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    <title>They Look Like People</title>
    <link href="https://alveric.ch/artikel/they-look-like-people/"/>
    <updated>2025-08-18T00:00:00Z</updated>
    <id>https://alveric.ch/artikel/they-look-like-people/</id>
    <content type="html">&lt;h2 id=&quot;warum-they-look-like-people-mehr-ist-als-nur-horror&quot;&gt;Warum «They Look Like People» mehr ist als nur Horror&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;In einer Ära, in der Blockbuster oft Millionenbudgets in Spezialeffekte, bekannte Gesichter und aufwendige Sets investieren, um ein schwaches Drehbuch zu kaschieren, wirkt der Indie-Film &lt;em&gt;They Look Like People&lt;/em&gt; wie ein wohltuender Gegenentwurf. Als ich den Film zum ersten Mal sah, war mein erster Impuls nicht Faszination, sondern Enttäuschung: Die Bildqualität schien schlecht, das Budget offensichtlich minimal. Doch schon bald zog mich die Geschichte in ihren Bann. Ich wollte unbedingt wissen, wie alles endet. Und genau darin liegt die Stärke dieses Films: Er beweist, dass wahre Spannung nicht von teuren CGI-Explosionen lebt, sondern von der fragilen Grenze zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit.&lt;/p&gt;
&lt;h2 id=&quot;eine-geschichte-im-schatten-der-paranoia&quot;&gt;Eine Geschichte im Schatten der Paranoia&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Die Handlung ist schlicht, aber tiefgreifend. Wyatt, ein junger Mann, ist überzeugt, dass sich dämonische Wesen unter die Menschen gemischt haben. Getrieben von dieser Paranoia sucht er Zuflucht bei seinem alten Freund Christian. Während die beiden ihre Beziehung neu sortieren, wächst die Ungewissheit für den Zuschauer: Droht eine reale Gefahr, oder kämpft Wyatt gegen etwas in seinem Inneren?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Regisseur Perry Blackshear hält diese Frage lange offen. Aus dieser Ambivalenz entsteht eine stille, nachhaltige Spannung, die weit effektiver ist als jede Kaskade aus lauten Schockmomenten. Der Film bewegt sich elegant zwischen den Genres Drama, Horror, Mystery und Thriller, ohne sich in eines davon zwängen zu lassen.&lt;/p&gt;
&lt;h2 id=&quot;das-low-budget-als-kuenstlerische-entscheidung&quot;&gt;Das Low-Budget als künstlerische Entscheidung&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;They Look Like People&lt;/em&gt; ist ein Paradebeispiel dafür, wie weit man mit klug gesetzten Prioritäten kommt. Über die Produktionskosten kursieren unterschiedliche Angaben, von gar keinem Budget bis zu rund 50’000 US-Dollar &lt;sup&gt;&lt;a href=&quot;https://alveric.ch/#1&quot;&gt;1&lt;/a&gt;&lt;/sup&gt;. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit im Bereich des extrem geringen Budgets. Doch genau diese Beschränkung wurde zur Stärke.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Geld landete dort, wo es zählt: in Zeit für Proben, sorgfältige Tonarbeit und ein sensibles Bildkonzept. Die Kamera war eine RED Cinema Camera, also professionelles Equipment, das für Indie-Produktionen gemietet werden konnte &lt;sup&gt;&lt;a href=&quot;https://alveric.ch/#2&quot;&gt;2&lt;/a&gt;&lt;/sup&gt;. Allerdings waren die Lichtverhältnisse eine andere Geschichte. Regisseur Perry Blackshear bestätigte in Interviews, dass sie primär natürliches Licht verwendeten und nur minimale Zusatzbeleuchtung hatten. Ein kleines LED-Licht reichte für die wenigen Szenen, die zusätzliche Ausleuchtung benötigten. Grössere Rig-Setups oder Studio-Lichter wurden bewusst vermieden, um einen dokumentarischen Realismus zu erzeugen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die begrenzten Locations, eine Wohnung, ein Keller, nächtliche Strassen, aber auch taghelle Aussenaufnahmen wie auf einem typischen Beton-Basketballfeld, werden zu Spiegeln von Wyatts innerem Zustand. Man sieht an manchen Stellen, wie wenig Geld für Equipment zur Verfügung stand. Teils massive Überbelichtung in Tagesaufnahmen und ungleichmässige Lichtverhältnisse zeugen davon. Doch statt auf kostspielige Schauwerte setzt Blackshear auf präzises Schreiben und atmosphärische Räume. Die Kamera bleibt oft dicht an den Figuren, lässt Szenen atmen und nutzt lange Einstellungen sowie gedeckte Farben, um einen fast dokumentarischen Realismus zu erzeugen.&lt;/p&gt;
&lt;h2 id=&quot;inszenierung-naehe-statt-laerm&quot;&gt;Inszenierung: Nähe statt Lärm&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Das Herzstück der Inszenierung ist der bewusste Einsatz eines unzuverlässigen Erzählers. Wir sehen, hören und deuten die Welt durch Wyatts fragile Wahrnehmung. Dadurch verschwimmt die Realität zwischen Paranoia und möglicher Bedrohung. Dieses Stilmittel verstärkt das psychologische Unbehagen enorm.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Besonders hervorzuheben ist das Sounddesign. Es trägt entscheidend zur Wirkung bei, indem es eine ruhige, beinahe bedrückende Klanglandschaft schafft. Die Spannung entsteht in den leisen Momenten, durch Pausen, ein tiefes Brummen und feine Geräuschspuren. Der Film verzichtet bewusst auf klassische Horror-Soundtricks. Stattdessen arbeitet er mit subtilen akustischen Hinweisen, die den Zuschauer in Wyatts Kopf ziehen. Man hört Dinge, die vielleicht real sind, vielleicht auch nicht. Diese akustische Ambivalenz erzeugt ein Gefühl der Unsicherheit, das den Zuschauer dazu zwingt, jede Geräuschquelle zu hinterfragen, genau wie Wyatt selbst.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es ist ein Lehrstück dafür, wie Reduktion Empathie erzeugt.&lt;/p&gt;
&lt;h2 id=&quot;figuren-die-echt-wirken&quot;&gt;Figuren, die echt wirken&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Das emotionale Zentrum des Films ist die Freundschaft zwischen Wyatt (MacLeod Andrews) und Christian (Evan Dumouchel). Wyatt ist sanft und verletzlich, ein Mann, der sich vor seinen eigenen Gedanken flüchtet. Er zieht sich zurück, hört Stimmen, die niemand sonst vernimmt, und weiss nicht mehr, ob er verrückt ist oder ob ihm einfach niemand glaubt.&lt;br /&gt;
Christian hingegen inszeniert sich als neue, starke Version seiner selbst. Er wiederholt Selbstbestätigungs-Mantras, trainiert seinen Körper und versucht, ein Leben aufzubauen, das Kontrolle suggeriert. Doch seine starren Routinen und Selbstbekenntnisse verraten tiefe Unsicherheit. Beide Männer kämpfen auf unterschiedliche Weise mit dem Gefühl, nicht genug zu sein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Margaret Ying Drake als Mara bringt schliesslich Wärme und eine leise Tragik in dieses Gefüge. Sie ist die Verbindung zwischen den beiden, gleichzeitig diejenige, die Christians aufgesetzte Selbstsicherheit am ehesten durchschaut. Ihre Präsenz ist zurückhaltend, aber sie verleiht dem Film einen emotionalen Ankerpunkt ausserhalb der männlichen Dynamik.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Was die Darstellerinnen und Darsteller so glaubhaft, verletzlich und echt macht, hat auch einen biografischen Hintergrund: MacLeod Andrews, Evan Dumouchel und Margaret Ying Drake sind im wirklichen Leben enge Freunde von Regisseur Perry Blackshear. Sie kennen sich seit dem College und haben gemeinsam Theater gespielt &lt;sup&gt;&lt;a href=&quot;https://alveric.ch/#3&quot;&gt;3&lt;/a&gt;&lt;/sup&gt;. Blackshear nutzte diese bestehende Dynamik bewusst, um eine Authentizität zu erreichen, die durch reine Schauspielerei oft schwer zu simulieren ist. Die Vertrautheit zwischen den Darstellerinnen und Darstellern spürt man in jedem Blick, in jeder Pause, in der ungesagten Geschichte zwischen zwei Menschen, die sich lange kennen.&lt;/p&gt;
&lt;h2 id=&quot;themen-mental-health-und-die-kraft-des-vertrauens&quot;&gt;Themen: Mental Health und die Kraft des Vertrauens&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Jenseits des Horrors verhandelt der Film Themen wie mentale Gesundheit, etwa Schizophrenie oder akustische Halluzinationen, mit grosser Empathie und Respekt. Er stellt die fundamentale Frage: Wie weit kann Vertrauen gehen, wenn die Realität für zwei Menschen völlig unterschiedlich aussieht?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Interessanterweise zeigt der Film aus dem Jahr 2015 bereits jene Dynamiken, die später während der Corona-Zeit ihre volle Wucht entfalteten. Die Vorstellung von etwas Unsichtbarem, das die Welt leitet und uns vernichten will, ist ein zentrales Element sowohl im Film als auch in den Verschwörungserzählungen, die in jüngerer Zeit politische Bewegungen massgeblich beeinflusst haben. Diese Narrative von verborgenen Bedrohungen trugen in der öffentlichen Debatte dazu bei, dass Donald Trump eine zweite Amtszeit erhielt. Der Film wirkt damit prophetisch, lange bevor diese gesellschaftlichen Entwicklungen sichtbar wurden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Finale bleibt ruhig und herzzerreissend. Es hinterlässt keine einfachen Antworten, sondern eine produktive Unklarheit, die den Zuschauer noch lange nach dem Abspann beschäftigt. Der Film ist weniger ein Monsterfilm als ein menschliches Drama mit Horrorkante.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Für Betroffene: Wenn du oder jemand, den du kennst, mit ähnlichen Erfahrungen konfrontiert ist, gibt es Unterstützung. In der Schweiz erreichst du die Telefonseelsorge unter 143 kostenlos und rund um die Uhr. Weitere Informationen findest du auf &lt;a href=&quot;https://www.promentesana.ch/&quot; target=&quot;_blank&quot; rel=&quot;noopener noreferrer&quot; class=&quot;external-link&quot;&gt;Pro Mente Sana&lt;/a&gt;.&lt;/p&gt;
&lt;h2 id=&quot;die-kritikerstimmen&quot;&gt;Die Kritikerstimmen&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Die Fachpresse hat diese Nuancen schnell erkannt. Dread Central nannte den Film einen «deliberately paced and subdued stunner», der durch seinen echten Ansatz von Sorge und Respekt gegenüber dem Thema überzeugt &lt;sup&gt;&lt;a href=&quot;https://alveric.ch/#4&quot;&gt;4&lt;/a&gt;&lt;/sup&gt;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auch auf Plattformen wie Rotten Tomatoes und Letterboxd fällt die Resonanz überwiegend positiv aus &lt;sup&gt;&lt;a href=&quot;https://alveric.ch/#5&quot;&gt;5&lt;/a&gt; /&lt;/sup&gt; &lt;sup&gt;&lt;a href=&quot;https://alveric.ch/#6&quot;&gt;6&lt;/a&gt;&lt;/sup&gt;. Ein Kommentar auf Letterboxd fasst es treffend zusammen: Wer den Film als langweilig empfindet, habe entweder nicht zugehört oder sei zu sehr an laute Schockmomente gewöhnt, um die «wahre Darstellung der Schrecken von Psychose und männlicher Freundschaft» zu verstehen. Diese Darstellung brauche es nicht, dass die Charaktere «für den Zweck des Seins Arschlöcher» spielen.&lt;/p&gt;
&lt;h2 id=&quot;fazit-ein-film-der-bleibt&quot;&gt;Fazit: Ein Film, der bleibt&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;They Look Like People&lt;/em&gt; ist der Beweis, dass ein gutes Drehbuch und starke Schauspieler wichtiger sind als jedes Budget. Wer Arthouse-Horror und intime Indie-Erzählungen schätzt, bekommt hier ein Meisterwerk geboten. Er ist das genaue Gegenteil von Grossproduktionen, die versuchen, mit Spektakel zu blenden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Ende bleibt bewusst offen. Jeder Zuschauer nimmt vielleicht etwas anderes aus dem Film mit. Wer einen klassischen Horrorschocker erwartet und sich dadurch nicht auf die eigentliche Geschichte einlässt, wird vermutlich enttäuscht sein. Wenn du dich jedoch auf eine gute, aber auch schwere Geschichte mit Gruselfaktor einlassen möchtest, ohne dabei auf Substanz verzichten zu müssen, machst du mit diesem Film absolut nichts verkehrt. Ich erinnere mich noch an meinen ersten Eindruck, als mich die Bildqualität zunächst abgestossen hat. Doch genau diese rohe Ästhetik trägt zur Authentizität bei. Am Ende bleibt nicht der Schreck, sondern das Gefühl, etwas Menschliches gesehen zu haben, das lange nachhallt.&lt;/p&gt;
&lt;h2 id=&quot;quellen-und-belege&quot;&gt;Quellen und Belege&lt;/h2&gt;
&lt;ol&gt;
&lt;li&gt;&lt;a id=&quot;1&quot;&gt;&lt;/a&gt; &lt;strong&gt;They Look Like People (2015)&lt;/strong&gt;, &lt;a href=&quot;https://en.wikipedia.org/wiki/They_Look_Like_People&quot; target=&quot;_blank&quot; rel=&quot;noopener noreferrer&quot; class=&quot;external-link&quot;&gt;&lt;em&gt;Wikipedia&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;&lt;a id=&quot;2&quot;&gt;&lt;/a&gt; &lt;strong&gt;They Look Like People is a horror that «spans genres»&lt;/strong&gt;, &lt;a href=&quot;https://www.scifinow.co.uk/interviews/they-look-like-people-is-a-horror-that-spans-genres/&quot; target=&quot;_blank&quot; rel=&quot;noopener noreferrer&quot; class=&quot;external-link&quot;&gt;&lt;em&gt;SciFiNow&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;&lt;a id=&quot;3&quot;&gt;&lt;/a&gt; &lt;strong&gt;They Look Like People (2015) - Cast and Crew&lt;/strong&gt;, &lt;a href=&quot;https://www.imdb.com/title/tt4105970/&quot; target=&quot;_blank&quot; rel=&quot;noopener noreferrer&quot; class=&quot;external-link&quot;&gt;&lt;em&gt;IMDb&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;&lt;a id=&quot;4&quot;&gt;&lt;/a&gt; &lt;strong&gt;They Look Like People (2015) - Reviews&lt;/strong&gt;, &lt;a href=&quot;https://www.dreadcentral.com/reviews/139397/look-like-people-2015/&quot; target=&quot;_blank&quot; rel=&quot;noopener noreferrer&quot; class=&quot;external-link&quot;&gt;&lt;em&gt;Dread Central&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;&lt;a id=&quot;5&quot;&gt;&lt;/a&gt; &lt;strong&gt;They Look Like People | Audience Reviews&lt;/strong&gt;, &lt;a href=&quot;https://www.rottentomatoes.com/m/they_look_like_people/&quot; target=&quot;_blank&quot; rel=&quot;noopener noreferrer&quot; class=&quot;external-link&quot;&gt;&lt;em&gt;Rotten Tomatoes&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;&lt;a id=&quot;6&quot;&gt;&lt;/a&gt; &lt;strong&gt;They Look Like People&lt;/strong&gt;, &lt;a href=&quot;https://letterboxd.com/film/they-look-like-people/&quot; target=&quot;_blank&quot; rel=&quot;noopener noreferrer&quot; class=&quot;external-link&quot;&gt;&lt;em&gt;Letterboxd&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;/ol&gt;
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    <title>New French Extremity Filme: Die brutale Filmkunst der Ehrlichkeit</title>
    <link href="https://alveric.ch/artikel/new-french-extremity/"/>
    <updated>2025-08-15T00:00:00Z</updated>
    <id>https://alveric.ch/artikel/new-french-extremity/</id>
    <content type="html">&lt;section id=&quot;intro&quot; tabindex=&quot;-1&quot;&gt;
&lt;h2 id=&quot;einleitung&quot;&gt;Einleitung&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Die New French Extremity (NFE) bezeichnet eine Welle französischer Produktionen, die zwischen Ende der 1990er und etwa 2010 entstanden sind. Sie verbindet kompromisslose Gewalt, explizite Sexualität und schonungslose Körperdarstellungen mit künstlerischem Anspruch. Massentauglich ist dieses Kino nicht; es ist eher ein filmischer Härtetest. Wer sich darauf einlässt, weiss oft vorher nicht, ob er am Ende fasziniert oder traumatisiert den Abspann anschaut.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Markenzeichen der Bewegung ist eine schonungslose Ehrlichkeit, die keine Rücksicht auf empfindliche Zuschauer:innen nimmt. Genau das ruft ihre Gegner auf den Plan. In den USA sind es primär konservative Moralorganisationen, in Europa staatliche Prüfstellen wie die BBFC in Grossbritannien, die FSK oder die BPjM in Deutschland sowie kirchliche Gruppen. In Frankreich führte diese Konfrontation zu juristischen und politischen Kontroversen, die oft bis vor das höchste Verwaltungsgericht führten. Ein prominentes Beispiel ist die rechte Lobbygruppe Promouvoir, die gegen den feministischen Skandalfilm &lt;em&gt;Baise-moi&lt;/em&gt; (2000) klagte, um eine X-Freigabe zu erzwingen, was praktisch einem Kinoverbot gleichgekommen wäre&lt;sup&gt;&lt;a href=&quot;https://alveric.ch/#1&quot;&gt;1&lt;/a&gt;&lt;/sup&gt;. Auch &lt;em&gt;Martyrs&lt;/em&gt; (2008) erhielt zunächst die strengste Altersfreigabe 18+, bevor Regisseure und die Société des Réalisateurs de Films protestierten und eine Herabstufung auf 16+ erreichten&lt;sup&gt;&lt;a href=&quot;https://alveric.ch/#2&quot;&gt;2&lt;/a&gt;&lt;/sup&gt;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Kritiker schwanken oft zwischen Bewunderung und Abneigung. Die einen sehen in vielen dieser Werke mutige, künstlerisch brillante Grenzüberschreitungen. Die anderen halten sie für kalkulierte Provokationen, die nur vorgeben, tiefgründig zu sein, während sie in Wahrheit vor allem schockieren wollen.&lt;/p&gt;
&lt;/section&gt;
&lt;section id=&quot;quandt&quot; tabindex=&quot;-1&quot;&gt;
&lt;h2 id=&quot;james-quandt-und-die-geburt-des-begriffs&quot;&gt;James Quandt und die Geburt des Begriffs&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Der kanadische Kritiker James Quandt prägte den Begriff, der heute für einige der kompromisslosesten Werke steht. Er meinte ihn ausdrücklich nicht als Kompliment. Quandt kritisierte eine Gruppe französischer Regisseure, die seiner Ansicht nach Gewalt, Sex und Tabubrüche in selbstzweckhafter Weise mischten. Er sah darin eine Übersteigerung des sogenannten Cinéma du corps (Körperkino), das seit den 70ern existierte, nun aber in eine radikalere, explizitere Form überging.&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;
&lt;p&gt;«Images and subjects once the provenance of splatter films, exploitation flicks, and porn—gang rapes, bashings and slashings and blindings, hard-ons and vulvas, cannibalism, sadomasochism and incest, fucking and fisting, sluices of cum and gore…» &lt;br /&gt; James Quandt - Flesh &amp;amp; Blood: Sex and violence in recent french cinema&lt;sup&gt;&lt;a href=&quot;https://alveric.ch/#3&quot;&gt;3&lt;/a&gt;&lt;/sup&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;Ironischerweise nahmen Filmfans und Journalist:innen den Begriff auf und machten ihn zum Markenzeichen für einige der einflussreichsten Werke im modernen Horrorkino.&lt;/p&gt;
&lt;/section&gt;
&lt;section id=&quot;wegbereiter&quot; tabindex=&quot;-1&quot;&gt;
&lt;h2 id=&quot;die-wegbereiter-der-radikalitaet&quot;&gt;Die Wegbereiter der Radikalität&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Bevor die Bewegung mit den grossen vier Werken ihren Zenit erreichte, ebneten andere Filme den Weg durch Provokation und ästhetische Innovationen:&lt;/p&gt;
&lt;h3 id=&quot;die-intellektuelle-vorhut-1998-2001&quot;&gt;Die intellektuelle Vorhut (1998–2001)&lt;/h3&gt;
&lt;p&gt;Autorenfilmer:innen legten das philosophische Fundament. Sie ersetzten den Schock durch eine beklemmende, ästhetische und dokumentarische Kälte.&lt;/p&gt;
&lt;ul&gt;
&lt;li&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Claire Denis&lt;/strong&gt; (&lt;em&gt;Trouble Every Day&lt;/em&gt;, 2001): Eine ästhetische Untersuchung von Begehren und körperlicher Zerstörung, die den Weg für den modernen Body Horror ebnete. Hier verschmelzen Lust und Tod zu einer untrennbaren Einheit.&lt;/p&gt;
&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Bruno Dumont&lt;/strong&gt; (&lt;em&gt;Sombre&lt;/em&gt;, 1998): Ein Werk, das die menschliche Bestialität in einer fast schon dokumentarischen Kälte einfängt. Dumonts Laiendarsteller und statische Kamera machen die Gewalt unvermeidlich und real.&lt;/p&gt;
&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;
&lt;h3 id=&quot;die-provokateure-2000-2002&quot;&gt;Die Provokateure (2000–2002):&lt;/h3&gt;
&lt;ul&gt;
&lt;li&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Gaspard Noé&lt;/strong&gt;: Mit seinem Spielfilmdebüt &lt;em&gt;Seul contre tous&lt;/em&gt; schuf Noé einen rohen, monologischen Ausbruch über soziale Isolation. Er etablierte den visuellen Stil aus extremen Nahaufnahmen und aggressiver Handkamera. Mit &lt;em&gt;Irréversible&lt;/em&gt; radikalisierte er diesen Ansatz durch eine rückwärts laufende Struktur und ungeschnittene Gewaltsequenzen. Noé gilt als der direkteste Wegbereiter für die spätere Kompromisslosigkeit von Filmen wie &lt;em&gt;Martyrs&lt;/em&gt;.&lt;/p&gt;
&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Virginie Despentes&lt;/strong&gt;: Mit dem radikalen Roadmovie &lt;em&gt;Baise-moi&lt;/em&gt; (2000) sprengte Despentes alle Konventionen. Indem sie unzensierte Sexualität mit eruptiver Gewalt kreuzte, löste sie eine nationale Zensurdebatte aus. Der Film etablierte das Kino als Ort einer ungeschönten, gesellschaftspolitischen Konfrontation.&lt;/p&gt;
&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;
&lt;/section&gt;
&lt;section id=&quot;feminismus&quot; tabindex=&quot;-1&quot;&gt;
&lt;h2 id=&quot;das-feministische-paradoxon-befreiung-oder-ausbeutung&quot;&gt;Das feministische Paradoxon: Befreiung oder Ausbeutung?&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Keine Frage polarisiert in der Diskussion um die NFE so sehr wie die Darstellung von Frauen. Auf den ersten Blick scheinen viele dieser Filme die Grenzen der weiblichen Erfahrung radikal zu erweitern: Sie zeigen Frauen nicht als passive Opfer, sondern als handelnde, oft gewalttätige Akteurinnen, die sich gegen patriarchale Unterdrückung wehren. &lt;em&gt;Baise-moi&lt;/em&gt; ist hier das Paradebeispiel: Zwei Frauen nehmen die Macht in die Hand und begehen Gewalt, die sonst fast ausschliesslich männlichen Figuren vorbehalten war.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Doch genau hier liegt das Paradoxon. Kritiker:innen, darunter viele Feminist:innen, werfen der Bewegung vor, dass diese vermeintliche Befreiung oft nur eine Illusion ist. Wenn männliche Regisseure wie Pascal Laugier (&lt;em&gt;Martyrs&lt;/em&gt;) oder Alexandre Bustillo (&lt;em&gt;Inside&lt;/em&gt;) extreme Gewalt gegen Frauen inszenieren, geschieht dies oft aus einer männlichen Perspektive heraus. Die Gewalt wird zwar als «künstlerisch» getarnt, aber das Publikum sieht im Kern immer noch den weiblichen Körper leiden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Debatte lässt sich in zwei Lager teilen:&lt;/p&gt;
&lt;ol&gt;
&lt;li&gt;
&lt;p&gt;Die Befürworter argumentieren, dass diese Filme eine notwendige Konfrontation mit der Realität von Gewalt gegen Frauen darstellen. Sie zeigen die Brutalität des Patriarchats nicht beschönigt. Die Frauenfiguren sind oft die einzigen, die am Ende eine Form von agency (Handlungsmacht) behalten, auch wenn sie zerstört werden.&lt;/p&gt;
&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;
&lt;p&gt;Die Kritiker sehen darin eine Form von «Misogyny Porn». Sie argumentieren, dass die extreme Gewalt oft nur als Spektakel dient, um das männliche Publikum zu schockieren, und dass die feministische Lesart nur eine nachträgliche Rechtfertigung ist. Ist es feministisch, den weiblichen Körper so lange zu foltern, bis er zerbricht, selbst wenn die Intention die Aufklärung ist?&lt;/p&gt;
&lt;/li&gt;
&lt;/ol&gt;
&lt;p&gt;Dieses Dilemma macht die NFE so schwer einzuordnen. Sie zwingt das Publikum vielmehr, sich mit der eigenen Reaktion auseinanderzusetzen: Warum finden wir diese Bilder so verstörend? Und wo liegt die Grenze zwischen künstlerischer Provokation und der Reproduktion von Gewalt? Kritiker argumentieren, dass die NFE oft den weiblichen Körper als Spektakel nutzt. Eine These, die in der Forschung zur «weiblichen Transzendenz» im extremen Kino kritisch hinterfragt wird&lt;sup&gt;&lt;a href=&quot;https://alveric.ch/#4&quot;&gt;4&lt;/a&gt;&lt;/sup&gt;.&lt;/p&gt;
&lt;/section&gt;
&lt;section id=&quot;export&quot; tabindex=&quot;-1&quot;&gt;
&lt;h2 id=&quot;der-internationale-export-von-paris-nach-hollywood&quot;&gt;Der internationale Export: Von Paris nach Hollywood&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Die NFE blieb nicht auf Frankreich beschränkt. Ihre radikalen Bilder wirkten wie ein Katalysator für das Horror-Genre weltweit, insbesondere in den USA. In den frühen 2000er Jahren entstand dort eine eigene Strömung, die oft als «Torture Porn» bezeichnet wurde. Filme wie &lt;em&gt;Saw&lt;/em&gt; (2004) oder &lt;em&gt;Hostel&lt;/em&gt; (2005) übernahmen die Fokussierung auf physische Schmerzen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied in der Intention, der bereits im US-Klassiker &lt;em&gt;I Spit on Your Grave&lt;/em&gt; (1978) angelegt war. Während viele Kritiker ihn als reine Exploitation abstempeln, sehen andere in ihm ein ernst gemeintes Werk über Trauma. Der amerikanische Ansatz neigt dazu, die Gewalt als Endziel zu setzen, oft eingebettet in eine klare Rache- oder Überlebensnarrative, die dem Publikum eine befriedigende Auflösung bietet. Die französische NFE hingegen verweigert sich oft dieser Befriedigung. Sie hält das Publikum im Zustand der Unsicherheit und des Leidens fest, ohne eine moralische Entschädigung zu bieten &lt;sup&gt;&lt;a href=&quot;https://alveric.ch/#5&quot;&gt;5&lt;/a&gt;&lt;/sup&gt;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Diese Unterscheidung ist wichtig, um Missverständnisse zu vermeiden. Wenn Kritiker die NFE als bloßen Vorläufer des «Torture Porn» abtun, ignorieren sie die philosophische Tiefe der französischen Werke. Die Analyse der Bewegung verdeutlicht, dass der US-Ansatz oft auf reine Spektakel setzt, während die NFE durch ihre Inszenierung existenzielle Fragen provoziert&lt;sup id=&quot;ref6&quot;&gt;&lt;a href=&quot;https://alveric.ch/#6&quot;&gt;6&lt;/a&gt;&lt;/sup&gt;. Umgekehrt zeigt der Erfolg der US-Adaptionen, dass das Publikum weltweit bereit war, sich mit diesen extremen Bildern auseinanderzusetzen. Die NFE hat die Grenzen dessen, was im globalen Horrorgenre als akzeptabel gilt, nachhaltig verschoben&lt;sup&gt;&lt;a href=&quot;https://alveric.ch/#7&quot;&gt;7&lt;/a&gt;&lt;/sup&gt;.&lt;/p&gt;
&lt;/section&gt;
&lt;section id=&quot;bigfour&quot; tabindex=&quot;-1&quot;&gt;
&lt;h2 id=&quot;die-grossen-vier&quot;&gt;Die grossen Vier&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Die folgenden vier Filme markieren den radikalen Höhepunkt dieser Ära. Sie sind nicht nur Übungen in Brutalität, sondern sezieren die menschliche Physis unter extremem Druck.&lt;/p&gt;
&lt;ul&gt;
&lt;li&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;High Tension&lt;/strong&gt; (2003) von Alexandre Aja: Überlebenskampf und bedingungslose Loyalität. Gilt als der Film, der die NFE international bekannt machte. Berühmt für kompromisslose Härte und handgemachte Effekte. Umstritten wegen eines Twists, der die interne Logik zerstört.&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;Trigger:&lt;/em&gt; Extreme Gewalt mit Werkzeugen, Enthauptung.&lt;/p&gt;
&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Inside&lt;/strong&gt; (2007) von Alexandre Bustillo &amp;amp; Julien Maury: Mutterschaft, Verlust und Paranoia. Eine schwangere Witwe wird belagert. Bekannt für beispiellose Intensität und die Verlagerung des Schreckens in den Mutterleib. &lt;em&gt;Trigger:&lt;/em&gt; Extreme Gewalt gegen eine Schwangere, psychischer Terror.&lt;/p&gt;
&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Frontier(s)&lt;/strong&gt; (2007) von Xavier Gens: Politischer Extremismus und Verfall. Verbindet amerikanischen Backwoods-Horror mit dem französischen Trauma politischer Radikalisierung.&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;Trigger:&lt;/em&gt; Verstümmelung, rassistische Gewalt.&lt;/p&gt;
&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Martyrs&lt;/strong&gt; (2008) von Pascal Laugier: Trauma, Besessenheit und das Unaussprechliche. Das wohl radikalste Werk der Bewegung; ein Film, der Schmerz für das Publikum fast physisch spürbar macht.&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;Trigger:&lt;/em&gt; Systematische Folter, Suizid.&lt;/p&gt;
&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;
&lt;/section&gt;
&lt;section id=&quot;juwelen&quot; tabindex=&quot;-1&quot;&gt;
&lt;h2 id=&quot;die-juwelen-der-new-french-extremity&quot;&gt;Die Juwelen der New French Extremity&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Diese Filme sind die Aushängeschilder der Bewegung. Keine gemütlichen Grusler, sondern Werke, die an die Substanz gehen. Sie verbeissen sich tief in moralische, psychologische und körperliche Grenzerfahrungen. Gewalt wird nicht als harmloses Spektakel serviert, sondern so unmittelbar, dass man sie fast körperlich spürt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Trotz dieser Schonungslosigkeit sind sie Juwelen des Kinos, weil sie visuell und schauspielerisch auf höchstem Niveau arbeiten. Hinter jedem Schock steckt eine bewusste Regieentscheidung. Im Gegensatz zu reinen Schockern wie &lt;em&gt;The Human Centipede 2&lt;/em&gt;, bei denen die Provokation oft zum Selbstzweck verkommt, nutzt die NFE die Qual als Medium. Sie ist das «Juwel» unter den extremen Strömungen, weil sie handwerkliche Perfektion mit einer Schonungslosigkeit paart, die das Publikum zur aktiven Auseinandersetzung zwingt.&lt;/p&gt;
&lt;/section&gt;
&lt;section id=&quot;das-ende-einer-aera-und-neue-stimmen&quot; tabindex=&quot;-1&quot;&gt;
&lt;h2 id=&quot;das-ende-einer-aera-und-neue-stimmen&quot;&gt;Das Ende einer Ära und neue Stimmen&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Warum endete die NFE so abrupt? Gegen Ende der 2000er Jahre verlor die Bewegung an Dynamik. Die massive mediale Aufmerksamkeit führte dazu, dass viele Regisseur:innen unter Druck gerieten. Zudem veränderte sich das kulturelle Klima: Was einmal radikal war, wurde zum Standard im Mainstream-Horror. Die NFE hatte ihre eigene Sprache so erfolgreich exportiert, dass sie ihre Funktion als Avantgarde verloren hatte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Doch bedeutet das Ende der Bewegung auch das Ende ihres Einflusses? Ganz im Gegenteil. Viele zeitgenössische französische Regisseur:innen bauen auf den Fundamenten der NFE auf. Ein herausragendes Beispiel ist Julia Ducournau. Ihr Film Titane (2021), der den Golden Palm in Cannes gewann, greift Themen wie Körperverwandlung und extreme Gewalt auf, verbindet diese aber mit einer neuen, surrealen Ästhetik. Variety (2021) stellt fest, dass Titane ein neues Kapitel markiert, das über die Schocktaktiken der NFE hinausgeht&lt;sup&gt;&lt;a href=&quot;https://alveric.ch/#8&quot;&gt;8&lt;/a&gt;&lt;/sup&gt;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;/p&gt;&lt;hr /&gt;&lt;p&gt;&lt;/p&gt;
Für eine vertiefte Analyse von &lt;a href=&quot;https://alveric.ch/artikel/julia-ducournau/&quot;&gt;Julia Ducournau&#39;s&lt;/a&gt; Werk und ihrer Beziehung zur NFE empfehle ich meinen separaten Artikel über sie. Auch bei den Wegbereitern lohnt sich ein Blick zurück: In meinem Artikel über &lt;a href=&quot;https://alveric.ch/artikel/gaspar-noe/&quot;&gt;Gaspar Noé&lt;/a&gt; habe ich seine Rolle als Wegbereiter detailliert untersucht.
&lt;/section&gt;
&lt;section id=&quot;sources&quot; tabindex=&quot;-1&quot;&gt;
&lt;div class=&quot;sources-area&quot;&gt;
&lt;h2 id=&quot;quellen-und-belege&quot;&gt;Quellen und Belege&lt;/h2&gt;
&lt;ol&gt;
&lt;li&gt;&lt;a id=&quot;1&quot;&gt;&lt;/a&gt; &lt;strong&gt;Controversial French film set for UK release&lt;/strong&gt;, &lt;a href=&quot;https://www.theguardian.com/film/2001/sep/19/news&quot; target=&quot;_blank&quot; rel=&quot;noopener noreferrer&quot; class=&quot;external-link&quot;&gt;&lt;em&gt;The Guardian&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;&lt;a id=&quot;2&quot;&gt;&lt;/a&gt; &lt;strong&gt;La qualité et ses réseaux : étude de cas sur « l’affaire Martyrs »&lt;/strong&gt;, &lt;a href=&quot;https://journals.openedition.org/map/5708&quot; target=&quot;_blank&quot; rel=&quot;noopener noreferrer&quot; class=&quot;external-link&quot;&gt;&lt;em&gt;Revue MAP / OpenEdition&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;&lt;a id=&quot;3&quot;&gt;&lt;/a&gt; &lt;strong&gt;Flesh &amp;amp; Blood: Sex and violence in recent french Cinema&lt;/strong&gt;, &lt;a href=&quot;https://www.artforum.com/features/flesh-blood-sex-and-violence-in-recent-french-cinema-168041/&quot; target=&quot;_blank&quot; rel=&quot;noopener noreferrer&quot; class=&quot;external-link&quot;&gt;&lt;em&gt;Artforum International&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;&lt;a id=&quot;4&quot;&gt;&lt;/a&gt; &lt;strong&gt;Female Transcendence: Approaching the «Expérience Extrême» in Contemporary French Horror Cinema&lt;/strong&gt;, &lt;a href=&quot;https://scispace.com/pdf/female-transcendence-approaching-the-experience-extreme-in-38m4el2mxt.pdf&quot; target=&quot;_blank&quot; rel=&quot;noopener noreferrer&quot; class=&quot;external-link&quot;&gt;&lt;em&gt;Maddison McGillvray&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;&lt;a id=&quot;5&quot;&gt;&lt;/a&gt;&lt;strong&gt;A Means to an End: Challenging the Notion of «torture porn» in the French Film Martyrs&lt;/strong&gt;, &lt;a href=&quot;https://ir.canterbury.ac.nz/server/api/core/bitstreams/694eb10d-068a-4c42-b3d5-503f622a30e3/content&quot; target=&quot;_blank&quot; rel=&quot;noopener noreferrer&quot; class=&quot;external-link&quot;&gt;&lt;em&gt;Erin Harrington&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;&lt;a id=&quot;6&quot;&gt;&lt;/a&gt; &lt;strong&gt;The New French Extremity: An Endeavour into Excessive Violence&lt;/strong&gt;, &lt;a href=&quot;https://the-artifice.com/new-french-extremity/&quot; target=&quot;_blank&quot; rel=&quot;noopener noreferrer&quot; class=&quot;external-link&quot;&gt;&lt;em&gt;the Artifice&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;&lt;a id=&quot;7&quot;&gt;&lt;/a&gt; &lt;strong&gt;Grand-Guignol and New French Extremity: Horror, History and Cultural Context&lt;/strong&gt;, &lt;a href=&quot;https://shura.shu.ac.uk/28912/1/Hicks_2021_MRes_Grand-GuignolNew.pdf&quot; target=&quot;_blank&quot; rel=&quot;noopener noreferrer&quot; class=&quot;external-link&quot;&gt;&lt;em&gt;Olive Hicks&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;&lt;a id=&quot;8&quot;&gt;&lt;/a&gt; &lt;strong&gt;«Titane» Review: «Raw» Director Delivers Psycho-Sexy French Thriller&lt;/strong&gt;, &lt;a href=&quot;https://variety.com/2021/film/reviews/titane-review-1235018105/&quot; target=&quot;_blank&quot; rel=&quot;noopener noreferrer&quot; class=&quot;external-link&quot;&gt;&lt;em&gt;Variety&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;/ol&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;/section&gt;</content>
  </entry>
  
  <entry>
    <title>Gaspar Noé: Bilder aus der Hölle der Intimität</title>
    <link href="https://alveric.ch/artikel/gaspar-noe/"/>
    <updated>2025-06-04T00:00:00Z</updated>
    <id>https://alveric.ch/artikel/gaspar-noe/</id>
    <content type="html">&lt;section id=&quot;intro&quot; tabindex=&quot;-1&quot;&gt;
&lt;h2 id=&quot;wer-ist-gaspar-noe&quot;&gt;Wer ist Gaspar Noé?&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Gaspar Noé gehört zu jenen Persönlichkeiten, an denen sich Publikum und Kritik gleichermassen reiben. Seine Filme polarisieren, provozieren und überfordern. Genau in dieser Grenzüberschreitung liegt die künstlerische Konsequenz seines Schaffens. Noé ist kein Filmemacher des Mainstreams, und das ist gewollt. Er lehnt die gefällige Glätte des kommerziellen Kinos bewusst ab, um eine Ästhetik des Unbehagens zu schaffen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zwar hätten Werke wie Vortex das Potenzial, dem breiten Kino neue Perspektiven zu eröffnen, doch Noé versteht sich nicht als Unterhalter, sondern als audiovisueller Agitator. Er nutzt das Kino, um fundamentale Fragen zu stellen: über Körper, Bewusstsein und Gewalt. Wer seine Filme sucht, muss bereit sein, die Grenzen des Erträglichen zu testen. Denn Noé bietet keine Lösungen an, sondern zwingt den Zuschauer, die Unausweichlichkeit der Konsequenzen zu spüren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Spoiler-Hinweis:&lt;/strong&gt; Dieser Artikel analysiert die narrative Struktur von Gaspar Noés Filmen, insbesondere von &lt;em&gt;Irréversible&lt;/em&gt;. Er enthält Enthüllungen über die Handlungsabfolge und das Ende des Films.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Geboren wurde er 1963 in Buenos Aires als Sohn des argentinischen Künstlers Luis Felipe Noé&lt;sup&gt;&lt;a href=&quot;https://alveric.ch/#1&quot;&gt;1&lt;/a&gt;&lt;/sup&gt;, der im April 2025 verstarb. In den 1970er-Jahren wanderte die Familie nach Frankreich aus. Früh interessierte sich Gaspar für radikale Werke, besonders die von Stanley Kubrick und Pier Paolo Pasolini. An der École nationale supérieure Louis-Lumière in Paris studierte er Kinematographie &lt;em&gt;(Filmtechnik)&lt;/em&gt;&lt;sup&gt;&lt;a href=&quot;https://alveric.ch/#2&quot;&gt;2&lt;/a&gt;&lt;/sup&gt;. Diese fundierte Ausbildung legte die Basis für ein Werk, das sich zwischen sinnlicher Überwältigung und physischer Herausforderung bewegt.&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;
&lt;p&gt;«Man fühlt sich von einem Film auf eine gute oder schlechte Weise berührt oder man reagiert stark auf etwas, das völlig künstlich ist, auf eine Imitation des Lebens. Aber diese Nachahmung des Lebens, die man auf der Leinwand sieht, kann einen fast so berühren, als wäre sie echt.» &lt;br /&gt;Gaspar Noé @ Interview Magazine&lt;sup&gt;&lt;a href=&quot;https://alveric.ch/#3&quot;&gt;3&lt;/a&gt;&lt;/sup&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Inhaltshinweis (Triggerwarnung):&lt;/strong&gt; Die Filme von Gaspar Noé behandeln sensible Themen wie Gewalt, Drogenmissbrauch und sexualisierte Gewalt. Sie sind nicht für alle Zuschauer geeignet und können starke emotionale Reaktionen hervorrufen. Bitte beachten dies, bevor du dich entscheidest, seine Filme anzusehen.&lt;/p&gt;
&lt;/section&gt;
&lt;section id=&quot;aesthetics&quot; tabindex=&quot;-1&quot;&gt;
&lt;h2 id=&quot;die-aesthetik-des-kontrollverlusts&quot;&gt;Die Ästhetik des Kontrollverlusts&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Noés Filme greifen nicht nur in den Kopf, sondern direkt in den Körper. Lange Plansequenzen, stroboskopartige Effekte, pulsierende Farbwelten und eine taumelnde Kamera gehören zu seinem Repertoire. Diese Mittel dienen nicht der blossen Schau, sondern erzwingen eine physische Grenzerfahrung. Werke wie &lt;em&gt;Irréversible&lt;/em&gt; oder &lt;em&gt;Enter the Void&lt;/em&gt; lassen keine distanzierte Betrachtung zu, da die Kameraführung die Grausamkeit des Inhalts unmittelbar spürbar macht. Man konsumiert diese Bilder nicht, man ist ihnen ausgeliefert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Besonders in &lt;em&gt;Irréversible&lt;/em&gt; nutzt Noé den Soundtrack als unsichtbare Waffe. Der Komponist Thomas Bangalter integrierte gezielt tiefe Frequenzen (Infraschall) in den Mix. Diese Töne sind für das menschliche Ohr kaum hörbar, lösen aber im Körper physiologische Reaktionen wie Übelkeit, Angst und Desorientierung aus. Der Zuschauer wird so nicht nur zum Betrachter der Gewalt, sondern leidet körperlich mit, eine Technik, die die Grenze zwischen Film und Realität bewusst verwischt&lt;sup&gt;&lt;a href=&quot;https://alveric.ch/#4&quot;&gt;4&lt;/a&gt;&lt;/sup&gt;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Themen wie Sexualität, Gewalt, Inzest, Drogen und Wahnsinn sind bei Noé keine Ausnahme, sondern Grundnahrung. Er behandelt sie mit einer Direktheit, die weder Rücksicht nimmt noch Rückzug erlaubt. Seine Filme folgen keiner klaren Logik, sondern werden oft von Zufall und Unvorhersehbarkeit getragen.&lt;/p&gt;
&lt;/section&gt;
&lt;section id=&quot;schaffen&quot; tabindex=&quot;-1&quot;&gt;
&lt;h2 id=&quot;filmisches-schaffen&quot;&gt;Filmisches Schaffen&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;In &lt;em&gt;Carne&lt;/em&gt; (1991) und &lt;em&gt;Seul contre tous&lt;/em&gt; (1998, dt. Menschenfeind) begegnet uns ein Pferdemetzger, der seinen Weltekel wie Batteriesäure über die Leinwand giesst. Noé lässt den inneren Monolog dieser Figur nicht einfach nur laufen; er übersetzt den Hass in eine Ästhetik der Überwältigung. Harte Schnitte und brachiale Soundeffekte fungieren hier als audiovisuelle Querschläger, die den Zuschauer direkt attackieren. Diese Filme wollen nicht verstanden werden, sie wollen wehtun. Sie setzen sich wie ein Parasit im Gedächtnis fest.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Irréversible&lt;/em&gt; verschaffte Noé internationale Aufmerksamkeit und festigte seinen Ruf als zentrale Figur des &lt;a href=&quot;https://alveric.ch/artikel/new-french-extremity/&quot; lang=&quot;en&quot; aria-label=&quot;New French Extremity&quot; class=&quot;internal-article&quot;&gt;New French Extremity&lt;/a&gt;, einer Bewegung, die in den frühen 2000ern den französischen Film mit schockierender Direktheit und politischer Provokation neu definierte&lt;sup&gt;&lt;a href=&quot;https://alveric.ch/#5&quot;&gt;5&lt;/a&gt;&lt;/sup&gt;. Die rückwärts laufende Erzählung und die berüchtigte, minutenlange Vergewaltigungsszene zerlegen jede Orientierung. Die Kamera agiert hier nicht als Beobachter, sondern als taumelnder Komplize, der durch Infraschall und Desorientierung ein Gefühl von physischer Übelkeit provoziert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die rückwärts laufende Struktur ist mehr als ein narrativer Trick. Sie ist die Umsetzung des Titels: Nichts ist umkehrbar. Der Film beginnt mit der Katastrophe und führt zurück zur Ursache, doch selbst wenn wir die Zeit zurückspulen, ändert das nichts am Geschehenen. Der wahre Schmerz liegt im Twist am Anfang: Marcus tötet aus Rache einen Mann, den er für den Täter hält. Erst im chronologischen Verlauf erfahren wir, dass er den falschen Mann ermordet hat. Dieser Fehler ist endgültig. Die Rache war vergeblich, der Tod des Unschuldigen unaufhebbar. Noé zeigt hier die absolute Sinnlosigkeit von Gewalt: Sie erzeugt eine Kette von Ereignissen, die man nicht stoppen kann, selbst wenn man die Zeit zurückdreht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Enter the Void&lt;/em&gt; dringt auf eine andere Weise tiefer: Aus der Sicht eines toten Drogendealers driftet das Bewusstsein durch ein neongetränktes Zwischenreich. Während &lt;em&gt;Irréversible&lt;/em&gt; den Körper angreift, belagert dieser Film die Sinne und das Bewusstsein. Es ist ein psychedelischer Trip ohne Rückfahrkarte, eine visuelle Überwältigung, die nicht durch Gewalt, sondern durch totale Immersion wirkt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Love&lt;/em&gt; wiederum lässt jede Trennung zwischen Arthouse und Pornografie hinter sich. Noé nutzt hier die Unmittelbarkeit expliziter Bilder und die Plastizität von 3D, um eine Nähe zu erzwingen, die fast schmerzhaft wirkt. Es geht um echte Körper und echte Verletzlichkeit, ganz ohne den schützenden Schleier filmischer Konventionen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Climax&lt;/em&gt; entfesselt einen kollektiven Höllenritt. Was als ekstatische Tanzperformance beginnt, eskaliert zu einem paranoiden Albtraum. Die Kamera verliert im Verlauf jeglichen Halt, stellt sich buchstäblich auf den Kopf und spiegelt das Entgleisen der Körper wider. Was hier gezeigt wird, ist kein Drogenrausch, sondern ein Abstieg in den kompletten zivilisatorischen Kontrollverlust. Die Musik ist bei Noé nie bloße Untermalung; sie wird zum Rauschmittel, das die Figuren in ihren Wahnsinn treibt. Ob der treibende Techno in &lt;em&gt;Climax&lt;/em&gt; oder die psychedelischen Klänge in &lt;em&gt;Enter the Void&lt;/em&gt;. Der Soundtrack ist oft der eigentliche Antreiber der Katastrophe.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Vortex&lt;/em&gt; ist anders. Leiser. Intimer. Doch auch hier vollzieht Noé einen Tabubruch: Er zeigt das Altwerden und den körperlichen Verfall schonungslos, ohne Beschönigung. Themen, über die man normalerweise schweigt oder sie versteckt, werden hier in minutenlangen Einstellungen entblösst. Präzise, still und beklemmend. In den Hauptrollen: Dario Argento, bekannt für blutige Albträume, hier zerbrechlich und entwaffnet, und Françoise Lebrun als seine Frau, deren Demenz sie Stück für Stück aus der gemeinsamen Wirklichkeit löst. Die Splitscreen-Inszenierung trennt zwei Leben im selben Raum. Der Verfall geschieht parallel, aber jeder auf seinem eigenen Pfad. Die Technik visualisiert die Unmöglichkeit, den Verfall des anderen wirklich zu teilen. Es ist eine technische Metapher für die Einsamkeit im Alter, ein Thema, das Noé nach seiner eigenen Nahtoderfahrung noch schärfer fokussiert hat. Noé drehte den Film nach einer schweren Hirnblutung Anfang 2020, ein Erlebnis, das die Wahrhaftigkeit dieser Inszenierung prägt.&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;
&lt;p&gt;«Ich hatte eine Hirnblutung. Ich hatte überhaupt nicht damit gerechnet. Einen Monat später war ich ausser Gefahr. Ich hätte sterben können oder eine Hirnschädigung davontragen können.»&lt;br /&gt;Gaspar Noé @ Roger Ebert&lt;sup&gt;&lt;a href=&quot;https://alveric.ch/#6&quot;&gt;6&lt;/a&gt;&lt;/sup&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;/section&gt;
&lt;section id=&quot;einfluss&quot; tabindex=&quot;-1&quot;&gt;
&lt;h2 id=&quot;einfluss-auf-andere-filmemacher-innen&quot;&gt;Einfluss auf andere Filmemacher*innen&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Noé wird verehrt oder gehasst. Dazwischen bleibt kaum Raum. Seine Werke lösen Kontroversen aus, spalten Publikum wie Kritik. &lt;em&gt;Irreversible&lt;/em&gt; etwa führte bei seiner Premiere in Cannes zu einer der extremsten Reaktionen der Festivalgeschichte: Rund 200 bis 250 Zuschauer verliessen den Saal, während der Rest begeistert applaudierte. Diese Spaltung ist kein Nebeneffekt, sondern Teil seiner Kunst&lt;sup&gt;&lt;a href=&quot;https://alveric.ch/#7&quot;&gt;7&lt;/a&gt;&lt;/sup&gt;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auch andere Regisseur:innen greifen auf seine Handschrift zurück, um die Grenzen der Gewaltdarstellung neu auszuloten. Nicolas Winding Refn etwa liess sich von Noés kompromissloser Technik und der Ästhetik der Gewalt inspirieren, um eigene visuelle Sprachen zu entwickeln.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gleichzeitig steht Noé in der Kritik. Viele Feminist:innen und Kritiker:innen werfen ihm vor, dass seine Darstellung von sexualisierter Gewalt oft Frauen als passive Opfer inszeniert und diese Szenen eher der Spektakelproduktion als einer echten kritischen Auseinandersetzung dienen. Diese Debatte ist Teil des Diskurses um sein Werk und zeigt, wie komplex die Rezeption seiner Filme ist.&lt;/p&gt;
&lt;/section&gt;
&lt;section id=&quot;grenzerfahrung&quot; tabindex=&quot;-1&quot;&gt;
&lt;h2 id=&quot;fazit-eine-grenzerfahrung&quot;&gt;Fazit: Eine Grenzerfahrung&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Ich habe &lt;em&gt;Irreversible&lt;/em&gt; zweimal gesehen. Das zweite Mal wegen dieses Artikels, obwohl ich mir geschworen hatte, den Film als Erinnerung zu behalten und diese nicht mehr aufzufrischen. Nicht weil Kritiker wie Peter Bradshaw &lt;sup&gt;&lt;a href=&quot;https://alveric.ch/#8&quot;&gt;8&lt;/a&gt;&lt;/sup&gt; ein mieses Machwerk darin sehen, sondern weil er derart fest an die Substanz geht, dass viele Horrorfilme dagegen wie ein Kindergeburtstag wirken.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Vortex&lt;/em&gt; und &lt;em&gt;Climax&lt;/em&gt; haben mich ebenfalls eiskalt erwischt. &lt;em&gt;Vortex&lt;/em&gt; durch diese bedrückende Stimmung des Verfalls. &lt;em&gt;Climax&lt;/em&gt; durch seine überraschende Funktionalität, mich als Nicht-Tänzer und Verweigerer von Tanzfilmen überhaupt abzuholen. Noé ist ein Meister darin, die Zuschauer:innen in eine Welt zu ziehen, die sie normalerweise meiden würden. Er zwingt uns, uns mit dem Unbehagen auseinanderzusetzen, das wir sonst lieber ignorieren würden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich gehöre zu jenen, die in Noé eine aussterbende Art von Regisseur sehen. Jemand, der dahin geht, wo es schmerzt, und wo ich noch Tage, bei &lt;em&gt;Irreversible&lt;/em&gt; gar Jahre, an Szenen gedanklich festhänge. Seine Filme bewegen sich in einem Ausnahmebereich, wo eine Triggerwarnung am Anfang mehr als angebracht ist. Selbst bin ich eigentlich kein Freund davon, weil Triggerwarnungen subtil spoilern. Bei Noé jedoch ist die Warnung Teil der Wahrheit.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Abschliessend lässt sich sagen: Ich habe nie die Erwartung, dass Noé alle paar Jahre einen Film herausbringen muss. Zu schwer sind seine Filme, und um dies zu erreichen, benötigen sie die Zeit, die sie eben benötigen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es gibt nur wenige Filme, die man gleichzeitig hassen und lieben kann. &lt;em&gt;Irreversible&lt;/em&gt; ist für mich der einzige Film, der diese paradoxe Erfahrung vollständig erfüllt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gaspar Noé ist kein Menschenfreund im klassischen Sinne. Er ist ein unerschütterlicher Beobachter dessen, was das Kino oft im Schatten lässt. Seine Filme sind eine Zumutung, ja, aber nie Selbstzweck. In einer Medienwelt, die sich immer stärker der gefälligen Glätte verschreibt, fungiert Noé als das notwendige Störgeräusch. Er ist ein Suchender, der hinter Schmerz, Wut und Chaos nach einer schonungslosen Ehrlichkeit fahndet. Wer seine Filme sieht, kann nicht behaupten, das Leben nicht gespürt zu haben.&lt;/p&gt;
&lt;/section&gt;
&lt;section id=&quot;sources&quot; tabindex=&quot;-1&quot;&gt;
&lt;div class=&quot;sources-area&quot;&gt;
&lt;h2 id=&quot;quellen-und-belege&quot;&gt;Quellen und Belege&lt;/h2&gt;
&lt;ol&gt;
&lt;li&gt;&lt;a id=&quot;1&quot;&gt;&lt;/a&gt; &lt;strong&gt;Luis Felipe Noé&lt;/strong&gt;, &lt;a href=&quot;https://de.wikipedia.org/wiki/Luis_Felipe_No%C3%A9&quot; target=&quot;_blank&quot; rel=&quot;noopener noreferrer&quot; class=&quot;external-link&quot;&gt;&lt;em&gt;Wikipedia&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;&lt;a id=&quot;2&quot;&gt;&lt;/a&gt; &lt;strong&gt;Kinematografie (Begriffserklärung)&lt;/strong&gt;, &lt;a href=&quot;https://de.wikipedia.org/wiki/Kinematografie&quot; target=&quot;_blank&quot; rel=&quot;noopener noreferrer&quot; class=&quot;external-link&quot;&gt;&lt;em&gt;Wikipedia&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;&lt;a id=&quot;3&quot;&gt;&lt;/a&gt; &lt;strong&gt;Gaspar Noé (Interview)&lt;/strong&gt;, &lt;a href=&quot;https://www.interviewmagazine.com/film/gaspar-noe&quot; target=&quot;_blank&quot; rel=&quot;noopener noreferrer&quot; class=&quot;external-link&quot;&gt;&lt;em&gt;Interview Magazine&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;&lt;a id=&quot;4&quot;&gt;&lt;/a&gt; &lt;strong&gt;Irreversible and its anxiety inducing sound design/soundtrack.&lt;/strong&gt;, &lt;a href=&quot;https://theopower.myblog.arts.ac.uk/2022/01/31/radio-piece-sound-design-tricks/&quot; target=&quot;_blank&quot; rel=&quot;noopener noreferrer&quot; class=&quot;external-link&quot;&gt;&lt;em&gt;The Power (Arts University Bournemouth Blog)&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;&lt;a id=&quot;5&quot;&gt;&lt;/a&gt; &lt;strong&gt;New French Extremity&lt;/strong&gt;, &lt;a href=&quot;https://en.wikipedia.org/wiki/New_French_Extremity&quot; target=&quot;_blank&quot; rel=&quot;noopener noreferrer&quot; class=&quot;external-link&quot;&gt;&lt;em&gt;Wikipedia&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;&lt;a id=&quot;6&quot;&gt;&lt;/a&gt; &lt;strong&gt;Of the Same Matter: Gaspar Noé on Vortex and Lux Aeterna&lt;/strong&gt;, &lt;a href=&quot;https://www.rogerebert.com/interviews/gaspar-noe-vortex-lux-aeterna-irreversible-interview-2022&quot; target=&quot;_blank&quot; rel=&quot;noopener noreferrer&quot; class=&quot;external-link&quot;&gt;&lt;em&gt;Roger Ebert&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;&lt;a id=&quot;7&quot;&gt;&lt;/a&gt; &lt;strong&gt;Dividing the audience&lt;/strong&gt;, &lt;a href=&quot;https://www.irishtimes.com/culture/dividing-the-audience-1.1059153&quot; target=&quot;_blank&quot; rel=&quot;noopener noreferrer&quot; class=&quot;external-link&quot;&gt;&lt;em&gt;The Irish Times (2002)&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;&lt;a id=&quot;8&quot;&gt;&lt;/a&gt; &lt;strong&gt;Peter Bradshaw, Irreversible Review&lt;/strong&gt;, &lt;a href=&quot;https://www.theguardian.com/culture/2003/jan/31/artsfeatures.dvdreviews3&quot; target=&quot;_blank&quot; rel=&quot;noopener noreferrer&quot; class=&quot;external-link&quot;&gt;&lt;em&gt;The Guardian (31.01.2003)&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;/ol&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;/section&gt;</content>
  </entry>
  
  <entry>
    <title>Körper, Kontrolle, Katharsis: Das Kino der Julia Ducournau</title>
    <link href="https://alveric.ch/artikel/julia-ducournau/"/>
    <updated>2025-05-24T00:00:00Z</updated>
    <id>https://alveric.ch/artikel/julia-ducournau/</id>
    <content type="html">&lt;section id=&quot;intro&quot; tabindex=&quot;-1&quot;&gt;
&lt;h2 id=&quot;einleitung&quot;&gt;Einleitung&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Als &lt;em&gt;Grave (Raw)&lt;/em&gt; im Jahr 2016 in die Kinos kam, vernahm ich ausschliesslich Lob. Ein Vertreter der &lt;a href=&quot;https://alveric.ch/artikel/new-french-extremity/&quot; class=&quot;internal-article&quot;&gt;New French Extremity&lt;/a&gt;, der dem Publikum an die Nieren gehen sollte. Doch es verging ein weiteres Jahr, bis ich mir die Blu-ray zulegte, und selbst dann blieb sie noch monatelang ungesehen im Regal liegen. Als ich mich schliesslich überwinden konnte, war es Liebe auf den ersten Blick. Seither zählt dieses kleine Juwel zu meinen absoluten Lieblingsfilmen.&lt;/p&gt;
&lt;details class=&quot;adb_details&quot;&gt;
  &lt;summary class=&quot;adb_summary&quot;&gt;&lt;strong&gt;Raw (2016)&lt;/strong&gt;&lt;/summary&gt;
  &lt;div class=&quot;adb_content&quot;&gt;
    &lt;p class=&quot;adb_plot_container&quot;&gt;
      &lt;strong class=&quot;adb_label_top&quot;&gt;Handlung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
      &lt;span class=&quot;adb_plot_text&quot;&gt;Die junge Vegetarierin Justine beginnt ihr Studium an einer veterinärmedizinischen Schule. Nach einem grausamen Aufnahmeritual, bei dem sie gezwungen wird, rohe Kaninchenleber zu essen, entwickelt sie einen unkontrollierbaren, kannibalistischen Heisshunger auf Fleisch. Der Film ist eine radikale Coming-of-Age Geschichte, die körperliche Transformation mit dem Erwachen weiblicher Begierde verknüpft.&lt;/span&gt;
    &lt;/p&gt;
    &lt;p class=&quot;adb_meta&quot;&gt;
      &lt;span class=&quot;adb_line&quot;&gt;&lt;strong class=&quot;adb_label&quot;&gt;Regie:&lt;/strong&gt; Julia Ducournau&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;
      &lt;span class=&quot;adb_line&quot;&gt;&lt;strong class=&quot;adb_label&quot;&gt;Genre:&lt;/strong&gt; Arthouse, Body Horror, Drama, Horror&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;
      &lt;span class=&quot;adb_line&quot;&gt;&lt;strong class=&quot;adb_label&quot;&gt;Land:&lt;/strong&gt; Frankreich, Belgien&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;
      &lt;span class=&quot;adb_line&quot;&gt;&lt;strong class=&quot;adb_label&quot;&gt;Jahr:&lt;/strong&gt; 2016&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;
      &lt;span class=&quot;adb_line&quot;&gt;&lt;strong class=&quot;adb_label&quot;&gt;Länge:&lt;/strong&gt; 99 Minuten&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;
      &lt;span class=&quot;adb_line&quot;&gt;&lt;strong class=&quot;adb_label&quot;&gt;Besetzung:&lt;/strong&gt; Garance Marillier, Ella Rumpf, Rabah Nait Oufella&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;
      &lt;span class=&quot;adb_line&quot;&gt;&lt;strong class=&quot;adb_label&quot;&gt;Bewertung:&lt;/strong&gt; ★★★★½&lt;/span&gt;
    &lt;/p&gt;
  &lt;/div&gt;
&lt;/details&gt;
&lt;p&gt;War &lt;em&gt;Grave (Raw)&lt;/em&gt; ein Lucky Punch? Nein. &lt;em&gt;Titane&lt;/em&gt; beweist, dass Ducournau keine Eintagsfliege ist, sondern eine der eigenständigsten Stimmen des zeitgenössischen Kinos. Titane gewann 2021 die Goldene Palme bei den Filmfestspielen von Cannes und bestätigte Ducournaus Status als eine der wichtigsten Stimmen des modernen Kinos. Ihre Filme sind fordernd, aber ehrlich. Brutal, aber voller Herz. Sie machen Angst, jedoch nie aus der falschen Motivation. Wer sich darauf einlässt, wird nicht nur gefordert, sondern auch reich belohnt. Mit ihrem neuen Film &lt;em&gt;Alpha&lt;/em&gt; geht Ducournau diesen Weg konsequent weiter. Dieses Mal richtet sie ihren Blick auf das gesellschaftliche Trauma der AIDS-Krise der 1980er-Jahre und erzählt von Isolation, Fürsorge und der Angst vor dem Fremden. Ich freue mich besonders auf diesen neuen Film, da Ducournau dem europäischen Kino treu bleibt. Sie begeht damit nicht den Fehler, den ein Pascal Laugier (&lt;em&gt;Martyrs&lt;/em&gt;, &lt;em&gt;Ghostland&lt;/em&gt;) beging, als er sich stärker am Geschmack des amerikanischen Publikums orientierte, was seiner Radikalität nicht immer gut tat.&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;
&lt;p&gt;«Everything comes from something very personal – I’m not going to tell you what, but I can tell you that I’m everywhere in my films. None of them are autobiographical, but it all stems from something that I have in me.»&lt;br /&gt;
Julia Ducournau @ Villa Albertine&lt;sup&gt;&lt;a href=&quot;https://alveric.ch/#1&quot;&gt;1&lt;/a&gt;&lt;/sup&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;/section&gt;
&lt;section id=&quot;herkunft&quot; tabindex=&quot;-1&quot;&gt;
&lt;h2 id=&quot;herkunft-und-fruehe-praegung&quot;&gt;Herkunft und frühe Prägung&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Julia Ducournau wurde 1983 in Paris geboren, als Tochter einer Gynäkologin und eines Dermatologen. Dieses medizinische Umfeld prägte ihre künstlerische Entwicklung von klein auf. Sie wuchs mit Gesprächen über den menschlichen Körper auf, die von einer Mischung aus fachlicher Distanz und emotionaler Offenheit geprägt waren. Diese Haltung übertrug sich auf ihre eigene Sichtweise und führte zu einer tiefen Faszination für Körper, Verletzlichkeit und Transformation. Der Körper wurde für sie nicht nur ein biologisches Objekt, sondern ein Ausdruck von Identität, Konflikt und Wandlung. &lt;sup&gt;&lt;a href=&quot;https://alveric.ch/#2&quot;&gt;2&lt;/a&gt;&lt;/sup&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bereits im Alter von sechs Jahren sah Ducournau heimlich den Film &lt;em&gt;The Texas Chainsaw Massacre&lt;/em&gt;, was ihre Begeisterung für das Horrorgenre weckte. Zur gleichen Zeit entdeckte sie die Werke von Edgar Allan Poe. Seine Histoires extraordinaires nennt sie bis heute eine ihrer wichtigsten literarischen Erfahrungen. Die düstere Symbolik und psychologische Tiefe dieser Texte spiegeln sich in der Atmosphäre und Thematik ihrer eigenen Filme deutlich wider.&lt;/p&gt;
&lt;/section&gt;
&lt;section id=&quot;Einfluss&quot; tabindex=&quot;-1&quot;&gt;
&lt;h2 id=&quot;einfluesse-und-inspirationsquellen&quot;&gt;Einflüsse und Inspirationsquellen&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Ein zentraler Einfluss auf ihre filmische Sprache hat der kanadische Regisseur David Cronenberg. Sie bewundert seine Fähigkeit, den Körper als Medium emotionaler und existenzieller Erfahrungen darzustellen. Besonders seine Vision vom Tod als Metamorphose und seine radikale Bildsprache inspirierten sie dazu, gesellschaftliche und psychologische Themen durch Körperdarstellungen filmisch zu erforschen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Überdies greift sie inhaltlich oft auf philosophische und mythologische Motive zurück. So flossen etwa die griechischen Erzählungen von Gaia und Uranus in die Konzeption von &lt;em&gt;Titane&lt;/em&gt; ein. Diese Mythen nutzt sie, um Identität als etwas Fluides und ständig Werdendes zu denken. Diese Einflüsse spiegeln sich direkt in den zentralen Themen ihrer Filme wider.&lt;/p&gt;
&lt;/section&gt;
&lt;section id=&quot;themen&quot; tabindex=&quot;-1&quot;&gt;
&lt;h2 id=&quot;themen-und-motive&quot;&gt;Themen und Motive&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Ducournau nutzt ihre Filme, um über gesellschaftliche Erwartungen nachzudenken. Vor allem die normativen Vorstellungen von Weiblichkeit und Körper werden von ihr aufgebrochen. In Raw und &lt;em&gt;Titane&lt;/em&gt; verbindet sie radikale Bildwelten mit intimen Geschichten, um zu zeigen, wie tief die sozialen Zwänge in den Körper eingeschrieben sind. Die Körper ihrer Figuren rebellieren, zerfallen, mutieren. In diesen Veränderungen spiegelt sich ein Akt der Befreiung, aber auch der Schmerz des Andersseins.&lt;/p&gt;
&lt;/section&gt;
&lt;section id=&quot;stil&quot; tabindex=&quot;-1&quot;&gt;
&lt;h2 id=&quot;visueller-stil&quot;&gt;Visueller Stil&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Visuell ist Ducournau stark von der Malerei und Fotografie beeinflusst. Sie nennt Caravaggio, Winslow Homer und René Magritte als wichtige Inspirationsquellen. Von Caravaggio übernimmt sie die dramatische Lichtführung, die Figuren oft wie in einem religiösen Tableau erscheinen lässt. Bei Homer inspiriert sie die melancholische Stimmung und die Nähe zu einfachen, verletzlichen Menschen. Magrittes surrealistische Bildwelten spiegeln sich in ihren unerwarteten, fast traumartigen Kompositionen wider. Der gezielte Einsatz von Licht und Schatten, von starken Farbkontrasten und ungewöhnlichen Perspektiven dient ihr nicht nur der Ästhetik, sondern auch als Werkzeug, um emotionale Spannungen, Grenzerfahrungen und innere Zerrissenheit sichtbar zu machen. &lt;sup&gt;&lt;a href=&quot;https://alveric.ch/#3&quot;&gt;3&lt;/a&gt; /&lt;/sup&gt;&lt;sup&gt;&lt;a href=&quot;https://alveric.ch/#4&quot;&gt;4&lt;/a&gt; /&lt;/sup&gt;&lt;sup&gt;&lt;a href=&quot;https://alveric.ch/#5&quot;&gt;5&lt;/a&gt;&lt;/sup&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/section&gt;
&lt;section id=&quot;arbeite&quot; tabindex=&quot;-1&quot;&gt;
&lt;h2 id=&quot;juengste-arbeiten-und-ausblick&quot;&gt;Jüngste Arbeiten und Ausblick&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Ihr jüngster Film &lt;em&gt;Alpha&lt;/em&gt;, der 2025 erscheint, verlegt sein Geschehen in die 1980er-Jahre und verbindet Coming-of-Age mit einer düsteren Epidemiegeschichte. Nach dem, was ich bisher darüber gelesen habe, deutet vieles darauf hin, dass Ducournau mit einer fiktiven, körperverändernden Krankheit allegorisch auf die gesellschaftlichen Ängste und das Stigma rund um die AIDS-Krise &lt;sup&gt;&lt;a href=&quot;https://alveric.ch/#6&quot;&gt;6&lt;/a&gt;&lt;/sup&gt; anspielt. Den Film selbst habe ich bisher nicht gesehen. Diese Einschätzung bleibt also meine persönliche Theorie, basierend auf ersten Kritiken und Inhaltsangaben. Damit greift Ducournau erneut das Leitmotiv ihres Werks auf: den Körper als Projektionsfläche für kollektive Traumata und als Ort von Verletzung, Transformation und Rebellion.&lt;/p&gt;
&lt;/section&gt;
&lt;section id=&quot;ende&quot; tabindex=&quot;-1&quot;&gt;
&lt;h2 id=&quot;fazit&quot;&gt;Fazit&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Ducournaus Stärke liegt in der Subtilität des Extremen. Während gesellschaftliche Diskurse in anderen Produktionen oft forciert wirken, bettet sie Fragen nach Geschlecht, Trauma und Sexualität leise und organisch in ihre blutigen Tableaus ein. So gelingt ihr ein Kino, das gleichzeitig verstört und fasziniert. Ein Werk, das die Kontrolle über die Sinne übernimmt, um uns am Ende verwandelt wieder zu entlassen. Mit Alpha setzt Ducournau ihre Tradition fort, den Körper als Ort kollektiver Traumata zu erkunden. Ein Schritt, der zeigt, dass sie auch in Zukunft keine Kompromisse eingehen wird.&lt;/p&gt;
&lt;/section&gt;
&lt;section id=&quot;sources&quot; tabindex=&quot;-1&quot;&gt;
&lt;div class=&quot;sources-area&quot;&gt; 
&lt;h2 id=&quot;quellen-und-belege&quot;&gt;Quellen und Belege&lt;/h2&gt;
&lt;ol&gt;
&lt;li&gt;&lt;a id=&quot;1&quot;&gt;&lt;/a&gt; &lt;strong&gt;Julia Ducournau&lt;/strong&gt;, &lt;a href=&quot;https://villa-albertine.org/va/residents/julia-ducournau/&quot; target=&quot;_blank&quot; rel=&quot;noopener noreferrer&quot; class=&quot;external-link&quot;&gt;&lt;em&gt;Villa Albertine&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;&lt;a id=&quot;2&quot;&gt;&lt;/a&gt; &lt;strong&gt;Raw director Julia Ducournau: „Cannibalism is part of humanity“&lt;/strong&gt;, &lt;a href=&quot;https://www.theguardian.com/film/2017/mar/30/raw-director-julia-ducournau-cannibalism-is-part-of-humanity&quot; target=&quot;_blank&quot; rel=&quot;noopener noreferrer&quot; class=&quot;external-link&quot;&gt;&lt;em&gt;The Guardian&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;&lt;a id=&quot;3&quot;&gt;&lt;/a&gt; &lt;strong&gt;With Titane, Director Julia Ducournau Births a New Genre&lt;/strong&gt;, &lt;a href=&quot;https://www.wmagazine.com/culture/julia-ducournau-titane-interview&quot; target=&quot;_blank&quot; rel=&quot;noopener noreferrer&quot; class=&quot;external-link&quot;&gt;&lt;em&gt;W Magazine&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;&lt;a id=&quot;4&quot;&gt;&lt;/a&gt; &lt;strong&gt;‘Titane’ director Julia Ducournau explains how she crafted the year’s wildest film&lt;/strong&gt;, &lt;a href=&quot;https://www.latimes.com/entertainment-arts/movies/story/2021-10-05/titane-explained-julia-ducournau&quot; target=&quot;_blank&quot; rel=&quot;noopener noreferrer&quot; class=&quot;external-link&quot;&gt;&lt;em&gt;Los Angeles Times&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;&lt;a id=&quot;5&quot;&gt;&lt;/a&gt; &lt;strong&gt;Meet Julia Ducournau, the Filmmaker Behind 2021’s Most Radical Horror Movie&lt;/strong&gt;, &lt;a href=&quot;https://www.backstage.com/magazine/article/julia-ducournau-titane-director-interview-74223/&quot; target=&quot;_blank&quot; rel=&quot;noopener noreferrer&quot; class=&quot;external-link&quot;&gt;&lt;em&gt;Backstage&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li&gt;&lt;a id=&quot;6&quot;&gt;&lt;/a&gt; &lt;strong&gt;El desafío de Julia Ducournau con „Alpha“, una imperfecta mirada al trauma del sida&lt;/strong&gt;, &lt;a href=&quot;https://cadenaser.com/nacional/2025/05/20/julia-ducournau-desafia-a-cannes-con-alpha-una-imperfecta-mirada-al-trauma-del-sida-cadena-ser/&quot; target=&quot;_blank&quot; rel=&quot;noopener noreferrer&quot; class=&quot;external-link&quot;&gt;&lt;em&gt;cadenaser.com&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;&lt;/li&gt;
&lt;/ol&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;/section&gt;</content>
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