Bliss: Joe Begos und die Ekstase der Zerstörung

Bliss

Die Ästhetik des Exzesses

Wer sich mit dem Werk von Joe Begos befasst, stösst unweigerlich auf einen Regisseur, der die Grenzen des guten Geschmacks und der auditiven Belastbarkeit gerne austestet. Während mich sein Film Christmas Bloody Christmas nicht wirklich überzeugen konnte, da er für meinen Geschmack zu sehr in seinen eigenen Stilmitteln gefangen wirkte, stellt Bliss eine bemerkenswerte Ausnahme dar. Es ist ein Werk, das sich für mich nicht über eine komplexe Handlung definiert, sondern über ein ganz bestimmtes Gefühl. Inmitten der dreckigen Gassen von Los Angeles entfaltet sich ein Albtraum, der die Grenzen zwischen Kunst und Wahnsinn verwischt. In diesem Essay betrachte ich, warum gerade dieser Film trotz einer simplen Geschichte eine so faszinierende Wirkung auf mich entfaltet hat und wie die Musik zur eigentlichen Hauptdarstellerin einer tragischen Suchtspirale wird.

Film und Plot

Der Film Bliss wurde im Jahr 2019 veröffentlicht. Er besticht durch einen sehr rohen und körnigen Look, da er auf 16mm Film gedreht wurde. Die Geschichte spielt in der schmutzigen Unterwelt von Los Angeles. Im Mittelpunkt steht die Malerin Dezzy, die unter einer schweren kreativen Blockade leidet und kurz davor steht, ihren Galeristen sowie ihre Wohnung zu verlieren. In ihrer Verzweiflung greift sie zu einer neuen und extrem starken Droge namens Diablo. Diese Substanz löst zwar ihre Blockade und befeuert ihre Kreativität, löst aber gleichzeitig einen unkontrollierbaren Blutrausch in ihr aus. Während sie an ihrem vermeintlichen Meisterwerk arbeitet, verschwimmen die Grenzen zwischen künstlerischer Vision und einem mörderischen Delirium.

Persönlicher Bezug: Die Macht der Musikkulisse

Obwohl die rein erzählerische Ebene von Bliss eher dünn besetzt ist und die Geschichte stellenweise vorhersehbar wirkt, entwickelt der Film eine Sogwirkung, der ich mich nicht entziehen konnte. Genau deshalb habe ich dem Film auf Letterboxd vier Sterne gegeben. Der Hauptgrund für meine positive Bewertung liegt in der phänomenalen Musikkulisse. Joe Begos nutzt den Soundtrack nicht als blosse Untermalung, sondern als treibende Kraft, die das Rückgrat des gesamten Werks bildet. Die Kompositionen von Steve Moore sind eine wuchtige Mischung aus doomigen Synthesizern und aggressivem Metal/Punk. Diese akustische Wand füllt die Lücken, die das Drehbuch vermissen lässt. Während die Handlung solala vor sich hinplätschert, sorgt der Sound für eine konstante Anspannung und eine fast körperliche Präsenz. Für mich wurde das Anschauen dadurch weniger zu einem Konsumieren einer Geschichte als vielmehr zu einem audiovisuellen Erlebnis. Es ist selten, dass ein Film seine Defizite im Plot so gekonnt durch seine Atmosphäre ausgleicht.

Die Suchtthematik: Der Preis der Ekstase

Das Thema Sucht wird in diesem Film perfekt audiovisuell umgesetzt. Die Sucht ist keine blosse Hintergrundgeschichte, sondern das alles beherrschende Prinzip. Dezzy verfällt nicht nur einer chemischen Substanz, sondern der Sucht nach dem Moment der absoluten Schöpfung. Dieser Bliss, der namensgebende Zustand höchster Wonne, ist untrennbar mit Schmerz und Zerstörung verbunden. Die Sucht wird hier als ein parasitärer Prozess dargestellt. Um ihr Meisterwerk zu vollenden, muss Dezzy alles opfern, was sie menschlich macht. Der Film zeigt ungeschminkt die hässliche Fratze der Abhängigkeit, bei der die Moral hinter den nächsten Kick oder den nächsten Pinselstrich zurückfällt. Für mich als Zuschauer wird dieser Sog durch die bereits erwähnte Musik fast greifbar. Man versteht Dezzys Abstieg in den Wahnsinn besser, weil man selbst von der Intensität der Bilder und Töne berauscht wird.

Wissenswertes zur Entstehung

Es gibt einige faszinierende Hintergründe zur Produktion von Bliss. Regisseur Joe Begos schrieb das Drehbuch in einer Phase, in der er selbst mit einer kreativen Blockade kämpfte, was die Geschichte sehr persönlich macht. Besonders beeindruckend ist das äusserst schmale Budget von nur etwa 150’000 US-Dollar. Diese Summe entsprach lediglich der Hälfte dessen, was Begos für seinen vorherigen Film The Mind’s Eye zur Verfügung hatte. Während er dort noch stärker auf klassische psychokinetische Action und eine eher traditionelle Erzählstruktur setzte, markiert Bliss einen radikalen Wendepunkt hin zu einer rein atmosphärischen, audiovisuellen Grenzerfahrung. Der gesamte Film wurde in einer extrem kurzen Zeitspanne von nur elf Nächten in Los Angeles gedreht, was den enormen Zeitdruck und die nervöse Grundstimmung des Werks erklärt.

Trotz der geringen finanziellen Mittel bestand der Regisseur darauf, auf 16mm Material zu drehen. In der modernen Filmwelt ist ein analoger Dreh deutlich teurer als eine digitale Produktion, da hohe Kosten für den Kauf der physischen Filmrollen, die chemische Entwicklung im Labor sowie die anschliessende hochauflösende Digitalisierung anfallen. Begos nahm diese finanzielle Belastung bewusst in Kauf, um einen körnigen und schmutzigen Look zu erzielen, der an das Kino der Siebzigerjahre erinnert. Um das knappe Budget effizient zu nutzen, arbeitete das Team mit einer sehr kleinen Kernmannschaft und plante alle praktischen Effekte sowie das klebrige Kunstblut akribisch im Voraus. Das zentrale Gemälde wurde vom Künstler Chet Zar erschaffen und die Hauptdarstellerin Dora Madison blieb während des gesamten Drehs tief in ihrer Rolle. Diese kompromisslose DIY-Attitüde (Do-It-Yourself) und intensive Arbeitsweise verfolgte Begos auch in seinem späteren Werk Jimmy and Stiggs weiter. Der Film entstand während der Corona-Pandemie fast vollständig in seinem eigenen Zuhause und unterstrich seine Fähigkeit, selbst unter extremen Einschränkungen und in völliger Eigenregie visionäres Genrekino zu erschaffen.

Fazit: Rausch ohne Reue

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Bliss kein Film für jedermann ist. Wer eine tiefgründige Geschichte sucht, wird vermutlich enttäuscht werden. Doch für mich beweist das Werk, dass Kino auch als rein atmosphärisches Erlebnis funktionieren kann. Die Geschichte mag zwar nur mittelmässig sein, doch die Kombination aus der hypnotischen Musikkulisse und der radikalen Darstellung von Sucht hebt den Film weit über den Durchschnitt hinaus. Die audiovisuelle Wucht drückt einen über die gesamte Laufzeit in den Sitz. Bliss ist eine Liebeserklärung an den Exzess und zeigt, dass wahre Kunst manchmal einen zerstörerischen Preis fordert. Vor allem ist dieser Film ein echter Geheimtipp für Leute, die extreme Musik lieben und sich gerne von einer brutalen Soundwand mitreissen lassen.