Macht im Kino wird oft als eine Frage des Charakters erzählt. Doch wie steht es um Superman und seine Macht innerhalb dieser Erzählung? Wer gut ist, nutzt seine Stärke zum Wohle aller. Doch was geschieht, wenn Macht nicht mehr moralisch begründet, sondern schlicht vorausgesetzt wird? Von Supermans moralischer Selbstverständlichkeit bis hin zu Brandons radikaler Gleichgültigkeit in Brightburn lässt sich ein Kontinuum beobachten, das weit über das Genre hinausweist.
Diese Figuren verhandeln im Kern das Problem der „Ameisenlogik“. Es handelt sich um eine Überlegenheit, die so absolut ist, dass menschliche Normen für den Machthaber keine Konsequenz mehr haben. Moralische Kategorien werden nicht mehr benötigt, weil ihnen niemand auf Augenhöhe begegnet. Damit werden diese Helden zu Platzhaltern für eine geopolitische Realität, die als US Defaultism bezeichnet werden kann. Es ist die tief verankerte Annahme, dass die eigene Perspektive der natürliche Ausgangspunkt globaler Ordnung sei. Dies beschreibt eine Form von Macht, die keine Erklärung mehr braucht, weil sie historisch zur Gewohnheit geworden ist.
Um dieses Kontinuum der Macht zu untersuchen, konzentriert sich dieser Text auf vier zentrale Figuren der modernen Kinogeschichte: Superman, Dr. Manhattan (Watchmen), Brandon Breyer (Brightburn) und Homelander (The Boys). Jede dieser Figuren markiert eine spezifische Stufe in der Entkoppelung von Macht und menschlicher Moral. Eine kurze Zusammenfassung über die Charaktere ist im Overlay ersichtlich.
Über Macht, Angst und Default im Kino
Dieser Text begann mit Brightburn, ist dort aber nicht stehen geblieben, denn der Film lässt sich nicht isoliert betrachten. Er steht in einer Reihe von Figuren, die alle dieselbe Frage verhandeln: Was geschieht, wenn Macht nicht mehr begründet, sondern vorausgesetzt wird? Superman, Dr. Manhattan, Brandon aus Brightburn und Homelander sind keine zufälligen Variationen eines Superheldentyps, sie bilden ein Kontinuum. Jede Figur verschiebt den Umgang mit Überlegenheit ein Stück weiter, von moralischer Selbstverständlichkeit über innere Entkopplung bis hin zur offenen Durchsetzung und schliesslich zur Inszenierung.
Gemeinsam ist ihnen nicht ihre Stärke, sondern ihr Ausgangspunkt. Es ist die Annahme, das Zentrum der Ordnung zu besetzen. Während Superman und Homelander dies noch als aktive Zuständigkeit interpretieren, markiert Brandon den Punkt, an dem selbst dieser Anspruch verschwindet und durch reine, ungebundene Präsenz ersetzt wird.
Für mich hat Superman nie wirklich funktioniert. Dies lag nicht an Ablehnung, sondern an Langeweile. Zum einen war er mir immer zu mächtig und zugleich zu naiv gedacht. Er ist eine Figur, deren Überlegenheit nie ernsthaft infrage gestellt wird. Zum anderen stand Superman für mich stets auch als Metapher für das amerikanische Selbstbild: gerecht, führend und ordnend. Dies geschah nicht als bewusste Propaganda, sondern als kulturelle Selbstverständlichkeit. In dieser Hinsicht unterscheidet er sich für mich kaum von Captain America. Beide verkörpern weniger individuelle Moral als eine nationale Erzählung über Zuständigkeit.
Am Ende dieses Artikels verlinke ich alle Referenzfilme, auf die ich mich beziehe. Bei Superman sind dies ausschliesslich die Stand-Alone-Kinofilme. Smallville habe ich bewusst ausgeklammert. Ich habe die erste Staffel nur mit Mühe gesehen, da mich die Geschichte von Clark Kent nie wirklich interessiert hat und sie für den Charakter Superman nur bedingt relevant ist. Weshalb das so ist, erläutere ich im Verlauf des Artikels. Ebenfalls ausgeschlossen habe ich Batman v Superman. Der Film zeigt in einer kurzen Vision eine dystopische Zukunft, in der Superman als autoritärer Machtakteur erscheint. Diese Sequenz bleibt jedoch spekulativ und wird im Film nicht weiter ausgearbeitet, weshalb sie für die hier betrachteten Filme keine Rolle spielt.
Macht, Abschreckung und das Problem der Loyalität
Superman ist keine neutrale Figur. Er ist kulturell, biografisch und moralisch amerikanisch geprägt. Seine Werte, seine Sozialisation und seine Vorstellung von Ordnung sind untrennbar mit den Vereinigten Staaten verbunden. Daraus ergibt sich eine unbequeme Frage, die der Mythos konsequent vermeidet. Es ist die Frage, auf wessen Seite Superman stehen würde, wenn es darauf ankommt.
Würde Superman real existieren, wäre er kein Hoffnungsträger, sondern ein geopolitisches Problem. Dies läge nicht an seinen Absichten, sondern an seiner reinen Existenz. Ein Staat, der über eine solche Figur verfügt, hätte ein absolutes Machtmonopol. Keine Armee, keine Verteidigung und keine Abschreckung könnte ihm etwas entgegensetzen.
Dabei spielt Supermans moralische Integrität keine Rolle. Abschreckung wirkt unabhängig vom Charakter. Wie bei atomaren Waffen liegt die eigentliche Macht nicht im Einsatz, sondern im Potenzial. Die blosse Möglichkeit, dass Superman im Namen eines Staates handelt, würde genügen, um andere Staaten zu lähmen oder zur Aufgabe zu zwingen.
Selbst wenn Superman Neutralität behaupten würde, könnte ihm niemand glauben. Neutralität ist kein innerer Zustand, sondern eine Frage der Wahrnehmung. Herkunft, Loyalität und kulturelle Prägung würden ihn unausweichlich als amerikanischen Akteur markieren. Vertrauen wäre dabei irrelevant. In der internationalen Politik zählt nicht die Absicht, sondern das Risiko.
Superman verkörpert damit eine Form von Macht, die jede bestehende Ordnung destabilisieren würde. Diplomatie würde zur Formalität und Souveränität zur Fiktion. Staaten müssten unter der permanenten Annahme handeln, dass ihre Existenz vom Wohlwollen einer einzelnen Figur abhängt. In dieser Lesart ist Superman kein Garant für Frieden, sondern ein asymmetrisches Abschreckungsinstrument. Seine Zurückhaltung würde nicht beruhigen, sondern verunsichern. Denn was sich heute freiwillig beschränkt, könnte sich jederzeit anders entscheiden.
Superman steht damit für den ursprünglichen Default. Es ist die Annahme, zuständig zu sein. Es ist die Überzeugung, dass Eingreifen legitim ist, weil man es kann. Dies geschieht nicht aggressiv, sondern selbstverständlich. Genau darin liegt seine Gefährlichkeit. Betrachtet man Superman unter dieser Perspektive, verliert der Mythos seine Unschuld. Die Frage ist dann nicht mehr, ob Superman gut ist, sondern ob seine Existenz überhaupt mit einer stabilen Ordnung vereinbar wäre.
Die Ameisenlogik und das Problem der Gleichheit
Der Superman-Mythos ist stabil, solange man ihn nicht zu Ende denkt. Er funktioniert erzählerisch, aber nicht logisch. Seine innere Konsistenz beruht auf einer stillschweigenden Voraussetzung, nämlich dass Macht sich freiwillig einer Moral unterordnet, die nicht aus ihr selbst hervorgeht.
Superman akzeptiert menschliche Normen als verbindlich, obwohl sie für ihn keine Konsequenzen haben. Gesetze, Verantwortung und Schuld setzen Gleichheit voraus. Sie funktionieren nur unter Akteuren, die sich gegenseitig begrenzen können. Genau diese Voraussetzung fehlt bei Superman.
Die Ameisenmetapher bringt diesen Widerspruch auf den Punkt. Menschen organisieren ihre Welt nicht nach den Interessen von Ameisen, obwohl diese uns zahlenmässig weit überlegen sind. Wir kämen nie auf die Idee, dass sie uns vernichten könnten. Umgekehrt können wir ganze Ameisenvölker auslöschen, ohne zur Waffe zu greifen. Ameisen stellen für uns keine Bedrohung dar und genau darin liegt ihr grösster Nachteil. Sie sind uns nicht gleichgestellt. Für die meisten Menschen sind sie gleichgültig oder allenfalls lästig.
Überträgt man diese Logik auf Superman, wird sein Verhalten erklärungsbedürftig. Dies liegt nicht daran, dass er böse wäre, sondern weil Gleichgültigkeit die naheliegende Konsequenz von Überlegenheit ist. Menschen könnten ihm schlicht egal sein, nicht aus Verachtung, sondern aus der reinen Perspektive. Moralische Verpflichtung setzt Nähe voraus, während Überlegenheit Distanz schafft.
Dabei zeigt sich ein grundlegendes Problem. Moral ist kein universelles Prinzip. Sie ist an kulturelle, historische und politische Kontexte gebunden. Was als richtig oder gerecht gilt, entsteht nicht ausserhalb von Machtverhältnissen, sondern innerhalb von ihnen. Akteure führen Handlungen nicht aus, weil diese objektiv moralisch wären, sondern weil sie innerhalb eines bestimmten Rahmens als legitim gelten. Moral dient damit nicht nur der Orientierung, sondern auch der Rechtfertigung.
Die gängige Antwort auf diesen Widerspruch lautet: Charakter. Superman ist gut, weil er gut ist. Diese Erklärung ist zirkulär und ersetzt Analyse durch Zuschreibung. Moral wird zur Eigenschaft erklärt statt zur Folge von Bedingungen. Sobald Moral jedoch als menschliche Konstruktion begriffen wird, verliert Supermans Verhalten seine Selbstverständlichkeit. Seine Zurückhaltung ist dann kein Zeichen von Reife, sondern ein erzählerisches Postulat.
Gibt man diese Annahme auf, verschiebt sich der Blick. Dann geht es nicht mehr darum, ob Macht gut oder böse ist, sondern was geschieht, wenn sie sich nicht mehr an menschliche Kategorien bindet. Dr. Manhattan ist die erste Figur, die diesen Schritt vollzieht.
In Bezug auf Superman ist mir bewusst, dass es innerhalb der Comics zahlreiche Variationen, What-if-Szenarien und Dekonstruktionen gibt. Ich habe diese jedoch nie systematisch gelesen; meine Analyse basiert fast ausschliesslich auf meiner Wahrnehmung der filmischen Darstellungen. Der Text erhebt daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit innerhalb des Comic-Kanons, sondern reflektiert spezifisch, wie Superman im Kino wirkt und welche Machtbilder er dort transportiert.
Macht nach der Aneignung
Dr. Manhattan aus Watchmen ist die Figur, an der der Superman-Mythos endgültig zerbricht. Dies geschieht nicht, weil er böse wäre, sondern weil er konsequent ist. Seine Macht verändert nicht nur, was er tun kann, sondern auch, wie er Wirklichkeit wahrnimmt. Zeit verliert ihre Linearität und menschliche Kategorien werden relativ.
Dr. Manhattan wurde nicht gezielt erschaffen, er entstand durch einen Unfall. Entscheidend ist jedoch, was danach geschieht. Die Vereinigten Staaten erkennen das Machtpotenzial und lesen ihn als Ressource. Er wird integriert, instrumentalisiert und politisch funktionalisiert.
Moral und Verantwortung setzen Endlichkeit voraus. Dr. Manhattan kennt diese Bedingungen nicht mehr. Handlung verliert ihren Ernst, weil sie keinen endgültigen Charakter besitzt. Menschen erscheinen ihm nicht als moralische Subjekte, sondern als temporäre Konfigurationen von Materie. Sein Rückzug ist kein Akt der Demut, sondern eine Konsequenz. Er entzieht sich menschlichen Konflikten, bleibt aber faktisch präsent. Er entzieht sich der Verantwortung, jedoch nicht der Wirkung. Seine Existenz verändert Machtverhältnisse selbst dann, wenn er vorgibt, nicht mehr einzugreifen.
Diese Haltung spiegelt eine spezifische geopolitische Rolle wider. Rückzug wird behauptet, während Einfluss weiterhin ausgeübt wird. Fremde Konflikte gelten als fremd, während sie zugleich instrumentalisiert, verschoben oder destabilisiert werden. Ordnung wird nicht aufgebaut, sondern durch kontrollierte Instabilität verwaltet.
In diesem Sinn ist Dr. Manhattan eine moderne Frankenstein-Figur staatlicher Macht. Dies liegt nicht daran, dass er bewusst erschaffen wurde, sondern weil ein Staat sich eine existierende Macht aneignet und dann die Kontrolle über sie verliert. Dr. Manhattan zeigt eine Macht, die sich entzieht. Brightburn zeigt das Gegenteil. Dort gibt es keine Distanz, keinen Rückzug und keine Abstraktion.
Macht ohne Rechtfertigung
Brightburn verweigert jede Form von Legitimation. Brandon ist kein gefallener Held und kein Opfer falscher Umstände. Er ist Macht, die sich selbst entdeckt, ohne nach Sinn, Zweck oder Einbettung zu fragen. Der Film setzt bewusst dort an, wo der Superman-Mythos sonst endet. Gleicher Ursprung, gleiche ländliche Umgebung und gleiche familiäre Struktur, aber ohne die Annahme, dass Moral zwangsläufig aus Herkunft entsteht.
Brandon und die funktionale Gewalt
Brandon handelt nicht aus Hass und nicht aus Kränkung. Seine Gewalt ist funktional. Widerstand wird beseitigt, weil er Widerstand ist. Menschen erscheinen nicht als moralische Gegenüber, sondern als Hindernisse oder als Teil der Umgebung. Gerade diese Nüchternheit macht die Figur so beunruhigend. Es gibt keinen inneren Konflikt, keine Rechtfertigung und keinen Moment der Reflexion.
Im Unterschied zu Dr. Manhattan zieht sich Brandon nicht zurück. Er bleibt präsent. Er markiert Raum, setzt Grenzen und definiert Ordnung durch Angst. Die Umwelt erfährt seine Macht nicht abstrakt, sondern unmittelbar. Sie ist konkret und unausweichlich. In dieser Konstellation ist er das, was Menschen für Ameisen sind, nämlich eine zerstörerische Urgewalt.
Brandon braucht keine Legitimation, weil ihm niemand auf Augenhöhe begegnet. Gleichgültigkeit ist hier keine Entscheidung, sondern die logische Folge von Überlegenheit. Moralische Kategorien verlieren ihre Bedeutung, nicht weil sie abgelehnt werden, sondern weil sie nicht mehr benötigt werden.
Damit zeigt Brightburn die radikalste Konsequenz der Ameisenlogik. Es ist Macht, die keine Erklärung mehr braucht, keine Einbettung sucht und keine Rücksicht kennt. Dies geschieht nicht als Ausnahme, sondern als Zustand. Brandon ist keine Abweichung vom Superheldenmythos, sondern dessen Ende, sobald man ihn nicht mehr romantisiert.
Macht als Inszenierung
Homelander ist die zeitgemässe Mutation des Superman-Mythos. Er weiss, dass Moral kein Fundament mehr ist, sondern ein Werkzeug. Werte werden nicht gelebt, sondern eingesetzt. Die Inszenierung überlagert die Wahrheit, statt sie zu leugnen. Entscheidend ist nicht, was geschieht, sondern wie es wahrgenommen wird.
Im Unterschied zu Superman braucht Homelander keine innere Überzeugung. Seine Macht legitimiert sich nicht durch Zurückhaltung oder Verantwortung, sondern durch Resonanz. Applaus ersetzt Kontrolle. Zustimmung wird nicht moralisch eingefordert, sondern emotional erzeugt. Wo diese Resonanz ausbleibt, kippt Gleichgültigkeit in Verachtung. Menschen verlieren ihren Wert nicht durch Widerstand, sondern durch Irrelevanz.
Homelander ist damit keine göttliche Figur, sondern ein Idol. Seine Autorität ist nicht transzendent, sondern medial. Sie existiert nur, solange sie sichtbar bleibt. Gewalt ist für ihn kein Ziel, sondern ein Mittel unter vielen. Sie wird dosiert eingesetzt, nicht um Ordnung zu schaffen, sondern um Aufmerksamkeit zu sichern.
In politischer Lesart steht Homelander für eine Macht, die weiss, dass ihr moralischer Anspruch ausgehöhlt ist, diesen aber nicht aufgeben kann. Deshalb wird er performt. Nationalismus ersetzt Legitimation und Lautstärke ersetzt das Argument. Die Drohung bleibt stets präsent, muss aber selten eingelöst werden.
Homelander stabilisiert keinen Status quo, er verwaltet Unsicherheit. Seine Stärke liegt nicht in Kontrolle, sondern in der Fähigkeit, jederzeit Eskalation anzudeuten. Damit ist er nicht der Gegenentwurf zu Superman, sondern dessen Konsequenz in einer Epoche, in der Selbstverständlichkeit nicht mehr trägt, während die Macht weiterhin vorhanden ist.
Atomare Macht ohne Doktrin
Betrachtet man Superman, Dr. Manhattan, Brandon und Homelander nicht als isolierte Figuren, sondern als aufeinanderfolgende Denkmodelle, verschiebt sich ihre Bedeutung grundlegend. Sie stiften keinen Sinn, sondern sie erzeugen Angst. Wie atomare Waffen wirken sie nicht durch ihren Einsatz, sondern durch ihre reine Existenz. Die entscheidende Frage ist dabei nicht moralischer Natur, sie ist politisch. Es geht darum, wem diese Macht verpflichtet wäre.
Superman destabilisiert durch Asymmetrie. Selbst als wohlwollender Akteur würde er das globale Gleichgewicht zerstören, weil seine Loyalität unausweichlich national gelesen würde. Er wäre eine amerikanische Erstschlagsfähigkeit in menschlicher Form. Homelander ist diese Logik ohne Verkleidung. Er würde seine Macht offen im Namen des Staates ausüben, nämlich nationalistisch, demonstrativ und eskalationsbereit. Der Eindruck des Niedergangs entsteht hier nicht aus neuen Taten, sondern aus dem Wegfall der Erzählung, die die alten Taten einst legitimierte.
Dr. Manhattan entzieht sich dieser Logik vollständig. Er ist selbst für die USA eine Bedrohung, weil er sich jenseits weltlicher Gesetze positioniert. Dass er in Watchmen das Interesse verliert, ist kein moralischer Sieg, sondern ein strategischer Glücksfall. Brandon schliesslich ist die totale Bedrohung. Er ist keiner Ordnung verpflichtet, keiner Ideologie und keinem Staat. Er ist nicht integrierbar, nicht abschreckbar und nicht verhandelbar. Seine Existenz würde jede politische Struktur obsolet machen.
Alle vier Figuren zeigen unterschiedliche Ausprägungen desselben Problems, nämlich Macht ohne Doktrin und ohne Rechenschaft. Der eigentliche Horror liegt nicht darin, dass Macht böse wird, sondern darin, dass sie aufhört, sich erklären zu müssen. Dies geschieht nicht, weil sich ihr Wesen verändert hat, sondern weil die Sprache verschwunden ist, die sie einst legitimierte. Superhelden sind damit keine Erlöserfiguren. Sie sind atomare Akteure in einer Welt, die für Lebewesen mit natürlichen Grenzen gemacht ist, nicht für Wesen ohne Gegenmacht.
Was mit US Defaultism gemeint ist
US Defaultism bezeichnet die tief verankerte Annahme, dass die eigene Perspektive der natürliche Ausgangspunkt globaler Ordnung sei. So wie Brandon den Raum markiert, ohne um Erlaubnis zu bitten, beschreibt US Defaultism einen politischen Raum, in dem das eigene Handeln als die unsichtbare Norm gesetzt wird, gegen die sich alles andere erst definieren muss. Es ist ein sichtbarer Zustand, wenn Macht lange genug unhinterfragt geblieben ist.
Defaultism zeigt sich dort, wo Zuständigkeit nicht mehr erklärt werden muss und Eingreifen als normal gilt. Der Text versteht dies als Analyse eines Extremfalls, der eine Macht beschreibt, die keine Einbettung mehr sucht und keine Rücksicht mehr kennt. Es handelt sich dabei nicht um eine formelle Ideologie, sondern um eine historisch gewachsene Gewohnheit der Macht. In diesem Sinn beschreibt der Begriff einen Zustand, in dem andere lediglich reagieren, während man selbst den Rahmen des Agierens vorgibt.

