Today I feel like a dictator: Die FIFA und der Ausverkauf des Fussballs

Today I feel like a dictator: Die FIFA und der Ausverkauf des Fussballs


Fussball gilt für viele Millionen Menschen als die Königssportart. Er ist Freude und verbindet Menschen weltweit. Doch während die Fans in den Kurven ihre Leidenschaft ausleben, hat sich das System hinter dem Ball längst von der menschlichen Basis entfernt. Mein Herz gehört dem Eishockey. Dieser Artikel ist aus einer Distanz geschrieben, welche die Leidenschaft für eine Sportart versteht, sie beim Fussball aber nicht teilt. Ich betrachte den Fussball deswegen nicht aus der Brille eines Fans, sondern aus einem nüchternen und neutralen Blickwinkel. Es geht hier nicht um eine Kritik an den Menschen in den Stadien, sondern um das System, das ihren Sport verwaltet.

Update vom 27. März 2026
Die Lage eskaliert weiter: Der Iran erlässt ein Reiseverbot für Sportteams in «feindlichen» Staaten. Details am Ende des Artikels.

Ein Verein ausserhalb des Gesetzes

Um die aktuelle Krise zu verstehen, muss man die Natur der FIFA betrachten. Sie residiert als Verein nach Schweizer Recht in Zürich. Dieser Status war ursprünglich für kleine Sportverbände gedacht, doch die FIFA ist längst ein globaler Milliardenkonzern. Das Problem dabei ist, dass sie kaum einer staatlichen Aufsicht unterliegt. Die FIFA schafft ihre eigenen Regeln und nutzt ihre Monopolstellung aus. Wer nicht nach ihren Bedingungen spielt, darf nicht am Weltfussball teilnehmen. Diese Machtkonzentration ohne unabhängige Kontrolle ist der Nährboden für eine Chronologie der Entfremdung.

Dabei bedient sich der Verband eines Phänomens namens Lex Sportiva. Damit ist ein globales Sportrecht gemeint, das von privaten Verbänden selbst geschaffen wurde und weitgehend ohne staatliche Gesetzgebung funktioniert. In dieser Parallelwelt ist die FIFA Gesetzgeber, Richter und Vollstrecker zugleich. Da die Schweizer Justiz und Politik dem Verband bisher weitgehende Immunität und steuerliche Privilegien gewähren, kann die FIFA als Staat im Staate agieren. Wer am Weltfussball teilnehmen will, muss sich diesem privaten Regelwerk bedingungslos unterwerfen, selbst wenn es grundlegende rechtsstaatliche Prinzipien tangiert. Diese Lex Sportiva erlaubt es dem Verband, Kriege oder politische Krisen nach eigenem Gutdünken zu bewerten oder zu ignorieren. Die FIFA hebelt damit die staatliche Souveränität aus, indem sie Nationen finanziell unter Druck setzt und sie zwingt, unter Bedingungen anzutreten, die selbst der gastgebende Staat als lebensgefährlich eingestuft hat.

Die Chronologie des Versagens: Von der Krim nach Katar

Dieses System des Wegsehens hat Methode. Ein besonders schwerwiegendes Versagen zeigte sich bereits im Umgang mit der Annexion der Krim im Jahr 2014. Zwischen diesem Bruch des Völkerrechts und dem Eröffnungsspiel in Moskau 2018 vergingen vier Jahre, in denen der Weltverband die moralische Pflicht gehabt hätte, die Vergabe zu hinterfragen. Doch die FIFA entschied sich für den Weg des grössten Profits und ignorierte dabei die dramatische Zunahme der Repressionen im Gastgeberland. Während Russland ab 2015 massive Bombardierungen in Syrien durchführte und im Inneren die Opposition sowie unabhängige Medien systematisch zerschlug. Politische Gegner wurden weggesperrt und gefoltert, während gleichzeitig die Rechte der LGBTQ-Gemeinschaft durch diskriminierende Gesetze massiv beschnitten wurden. Die FIFA blieb stumm.

Diese politische Realität wurde während des Turniers brutal sichtbar, als Mitglieder der Gruppe Pussy Riot das Spielfeld stürmten, um gegen staatliche Willkür zu protestieren. Die Härte des Regimes folgte prompt, und Pjotr Wersilow, der Manager der Gruppe, wurde kurz nach dem Turnier mit einer unbekannten Substanz vergiftet. Er überlebte diesen Anschlag vermutlich nur, weil er zur spezialisierten Behandlung in die Berliner Charité gebracht wurde, wo Ärzte um sein Leben kämpfen mussten. Trotz dieser klaren Warnsignale feierte der Verband die Weltmeisterschaft als Erfolg und ebnete damit den Weg, auch bei den massiven Menschenrechtsverletzungen in Katar 2022 beide Augen zuzudrücken. Während tausende Arbeitsmigranten unter menschenunwürdigen Bedingungen starben, forderte die FIFA die Teams lediglich auf, sich auf den Fussball zu konzentrieren.

Besonders bezeichnend war hierbei die Verschiebung der öffentlichen Debatte, denn im Vorfeld dominierten Berichte über das unermessliche Leid, doch mit dem Eröffnungsspiel verengte sich der Fokus fast ausschliesslich auf symbolpolitische Kontroversen um Regenbogenfarben und Armbinden. Dabei zeigte sich eine bemerkenswerte Doppelmoral, da den Verbänden aus weiten Teilen der Öffentlichkeit und den Medien oft offene Ablehnung oder gar Häme entgegenschlug. Viele werteten diese Zeichen als störendes politisches Beiwerk, das im Fussball nichts verloren habe. Die deutsche Nationalmannschaft wurde für ihre zaghaften Protestgesten von den eigenen Medien mit Spott überzogen, während das eigentliche Verbrechen, der Tod tausender Menschen auf den Baustellen, hinter dieser hochemotionalen Debatte um Symbole fast vollständig verschwand. Sobald der Ball rollte, setzte ein moralisches Taubheitsgefühl ein, und das Spektakel überwog die Ethik, während die Opfer des Systems schlicht vergessen wurden.

Der FIFA-Friedenspreis als diplomatischer Hohn

Die Entwicklung zur Weltmeisterschaft 2026 in den USA, Mexiko und Kanada erreicht nun eine neue Stufe des Zynismus. Am 5. Dezember 2025 verlieh Gianni Infantino den neu geschaffenen FIFA-Friedenspreis an Donald Trump. Einem Präsidenten, der im Juni 2025 einen völkerrechtswidrigen Krieg gegen den Iran führte und offen mit der Annexion Grönlands drohte, wurde eine unermüdliche Friedensarbeit bescheinigt. Die Realität Anfang 2026 zeigt den wahren Wert dieser Auszeichnung. Nach der völkerrechtswidrigen Entführung von Nicolás Maduro durch US-Spezialeinheiten und dem Beginn der Operation Epic Fury legitimiert die FIFA die Aggressionen der Gastgeber weiter.

Als der Iran darum bat, seine Spiele aufgrund der Gewalt von den USA nach Mexiko zu verlegen, lehnte die FIFA dies ab. Selbst Donald Trump gab öffentlich zu, dass er die Sicherheit des iranischen Teams auf US‑Boden nicht garantieren könne, und legte den Spielern nahe, um ihres eigenen Lebens willen nicht anzureisen. Der iranische Fussballverband konterte daraufhin prompt mit der Aussage, dass ein Gastgeberland, welches die Sicherheit der Teilnehmer nicht gewährleisten kann, eigentlich selbst von der Ausrichtung ausgeschlossen werden müsste. Dass die FIFA trotz dieser expliziten Lebensgefahr die Verlegung verweigert, um kommerzielle Pläne nicht zu stören, ist kriminell fahrlässig.

Finanzielle Erpressung statt Fairplay

Anstatt sportliche Lösungen zu suchen, setzt die FIFA auf Unterwerfung unter US-Interessen. Das Regelwerk würde es problemlos erlauben, Mannschaften zu ersetzen oder Spiele zu verlegen. Stattdessen wird der Iran finanziell erpresst. Der Verband droht mit Bussen von bis zu 500’000 Schweizer Franken. Berichte dokumentieren drakonische Forderungen und potenzielle Verluste von bis zu 9 Millionen Dollar bei einem Nichtantritt. Die FIFA zwingt ein Team in eine Atmosphäre des Hasses und der Lebensgefahr und droht bei Fernbleiben mit dem Ausschluss.

Fazit: Die Notwendigkeit der Regulierung

Als Beobachter der aktuellen Entwicklungen bleibt nur ein Schluss, dass die FIFA den Boden des Rechts und der sportlichen Integrität endgültig verlassen hat. Sie agiert als privater Dienstleister für Grossmächte und ignoriert dabei die elementarsten Prinzipien des fairen Miteinanders. Eine Regulierung der FIFA ist daher eine Frage der globalen Rechtsstaatlichkeit. Ein Verband darf nicht die Macht haben, Kriege durch Friedenspreise reinzuwaschen und gleichzeitig angegriffene Nationen finanziell zu erpressen. Es ist Zeit, dass die Politik die FIFA endlich an die Kette legt, damit der Fussball wieder denen gehört, die ihn wirklich lieben: den Fans. Wenn Gianni Infantino heute in den Spiegel blickt, müsste er seine berühmte Rede von Katar nur um ein einziges Wort korrigieren, um endlich die Wahrheit zu sagen: «Today I feel like a dictator».


Nachtrag vom 27. März 2026: Das Paradoxon der Sicherheit

Die Lage hat sich nun endgültig zugespitzt. Am 26. März 2026 erliess die iranische Regierung ein offizielles Dekret, welches nationalen Sportteams die Reise in feindliche Staaten wie die USA unter Strafe untersagt. Damit reagiert Teheran auf die anhaltende Bedrohungslage und die völkerrechtswidrigen Angriffe der Operation Epic Fury.

Die Reaktionen darauf verdeutlichen die im Hauptartikel beschriebene moralische Bankrotterklärung der FIFA. Anstatt auf die faktische Unmöglichkeit der Teilnahme zu reagieren, wertet der Weltverband das iranische Dekret als unzulässige politische Einmischung des Staates in den Sport. Die FIFA lehnte eine Verlegung der Spiele nach Mexiko erneut ab und droht dem iranischen Verband jetzt mit einem langjährigen Ausschluss sowie Bussen in Millionenhöhe.

Gleichzeitig bleibt die Haltung der USA widersprüchlich. Während Donald Trump auf Social Media erneut betonte, eine Teilnahme sei um des eigenen Lebens willen nicht angemessen, verweigern US‑Behörden weiterhin systematisch die Visa für die iranische Delegation. Die FIFA legitimiert dieses Vorgehen, indem sie die Verantwortung für das Fernbleiben allein dem Iran zuschiebt und das Team weiterhin zur Teilnahme an einem Turnier verpflichtet, bei dem der Gastgeber die physische Sicherheit der Athleten offen infrage stellt.


Quellen

Ein Verein ausserhalb des Gesetzes

Fedlex: Schweizerisches Zivilgesetzbuch (ZGB), Art. 60 ff. – Die Vereine
Schweizer Parlament: Interpellation zur Gemeinnützigkeit der FIFA
LSE Blogs: Who governs football? FIFA and the Lex Sportiva

Die Chronologie des Versagens: Russland und Katar

Human Rights Watch: Bericht zur Menschenrechtslage Russland 2018
Al Jazeera: Dokumentation zur Vergiftung von Pjotr Wersilow
The Guardian: Recherche zu Todesfällen von Arbeitsmigranten in Katar
Amnesty International: Reality Check zur WM 2022
ZDF Mediathek: Geheimsache Katar
Amnesty International: Syria: Russia’s shameful failure to acknowledge civilian killings
France Diplomacy: Understanding the situation in Ukraine from 2014 to 24 February 2022
Deutschlandfunk: Wird der stille Protest gehört? (Audio)
Die Zeit: Pussy Riot stören WM-Finale mit Flitzeraktion
Die Zeit: Pussy-Riot-Aktivist nach Ärzteeinschätzung vermutlich vergiftet

Der FIFA Friedenspreis und Ereignisse 2026

Inside FIFA: Präsident Donald J. Trump bekommt den FIFA Friedenspreis
Bayerischer Rundfunk: „Das ist Ihr Preis“: Trump erhält FIFA-Friedensauszeichnung
SRF News: Der Zwölftagekrieg im Juni 2025 – Analyse
Politico: Trump says it is not ‘appropriate’ for Iran soccer team to be at World Cup
House of Commons Library: Die Festnahme von Nicolás Maduro im Januar 2026
Africanews: Sicherheitswarnung und Verlegungsgesuch des Iran
Finanzielle Sanktionen: Iran Faces $9M Loss And FIFA Ban
Hindustan Times: Iran Football Team responds to Donald Trump
Goal.com: Iran respond to Donald Trump over World Cup safety standoff
Front Office Sports: Iran Men’s Soccer Team Rebukes Trump Over World Cup Safety Post

Updates

Associated Press: Iran verbietet seinen Sportteams, in «feindliche» Länder zu reisen (27.03.2026)
The Times of India: Infantino gives fresh update on FIFA World Cup 2026 schedule (21.03.2026)