Satanic Panic 3.0: Wie der Mythos vom Bösen zur politischen Waffe wurde
Bevor die Satanic Panic in den Achtzigerjahren die Wohnzimmer erreichte, hatte Anton Szandor LaVey bereits verstanden, wie man das Böse verkauft. Seine Church of Satan, gegründet 1966 in San Francisco, war keine Religion, sondern eine Inszenierung. LaVey kombinierte Popkultur, Zynismus und Symbolik zu einem Ritual, das mehr über Amerika erzählte als über den Teufel.
Seine Rituale waren Theaterstücke, seine Bibel ein Manifest der Selbstermächtigung. Er nahm der Kirche die Angst und machte daraus ein Spektakel, eine Ästhetik des Bewusstseins, nicht des Glaubens. Damit verschob LaVey das Satanische aus der Unterwelt auf die Bühne der Massenmedien. Der Teufel wurde nicht mehr angebetet, sondern gespielt.
Diese theatrale Logik fand bald Nachahmung in ganz Amerika. Als die Satanic Panic ein Jahrzehnt später ausbrach, wusste kaum jemand, dass der «Satanismus», vor dem man warnte, längst aus Ironie geboren war. LaVey war kein Verführer, sondern ein Spiegel. Seine Auftritte, Fotos und Interviews lieferten genau jene Bilder, die religiöse Gruppen später als Beweise für das Böse missverstanden.
Die Angst vor Satan hat nie auf der Leinwand geendet. In den Achtzigerjahren verlagerte sie sich aus dem Kino in die Wohnzimmer, in Schulhefte, Musiksendungen und Talkshows. Was einst filmische Unterhaltung war, wurde plötzlich zum vermeintlich realen Bedrohungsszenario. Die Grenze zwischen Fiktion und Realität verwischte, und aus einem Kinomythos wurde eine Massenpsychose.
Wir erleben zunehmend die Satanic Panic 3.0.
Gefährlicher als je zuvor, weil heute mächtige Menschen dieses Narrativ verbreiten. Putin, Trump, Orbán und andere nutzen die alte Angst, um moralische Fronten zu errichten und Macht zu sichern.
Dieser dritte Teil richtet den Blick weniger auf Filme als auf die gesellschaftlichen und politischen Mechanismen hinter dieser neuen Angst. Er beschreibt, wie die Projektion des Bösen aus dem Kino in die Öffentlichkeit wanderte und dort neue Formen annahm.
Dieser Text ist der dritte Teil meiner Reihe über die Satanic Panic.
Die ersten beiden Teile findest du hier:
[Teil 1: Wie Glaube Angst erschafft]
[Teil 2: Hollywoods Dämonenmaschine: Vom Glauben zum Spektakel]
Satanische Morde: Mythos und Medienrealität
In den 1990er Jahren verlagerte sich die Angst vor angeblichem Satanismus von den Vereinigten Staaten nach Europa. Was in den 1980ern als moralische Panik begann, entwickelte sich zu einer globalen Medienerzählung über Teufelskulte, Okkultismus und Musik, die angeblich zum Bösen verführe.
Wenn in den Medien von satanischen Morden die Rede ist, meint man damit fast nie tatsächlichen Satanismus. Solche Fälle sind äusserst selten und noch seltener haben sie einen Bezug zu einer satanistischen Philosophie. Meist handelt es sich um Gewalttaten, die nachträglich mit Symbolen oder Begriffen aufgeladen wurden, um sie erklärbarer oder schockierender erscheinen zu lassen.
In den folgenden Beispielen zeigt sich, wie stark die Wahrnehmung solcher Taten von Medien, Ermittler:innen und gesellschaftlichen Ängsten geprägt war. Die Täter:innen verstanden sich selten als Satanist:innen und selbst dort, wo okkulte Elemente vorkamen, entsprangen sie meist Fantasien, psychischen Störungen oder dem Wunsch nach Selbstdarstellung. Das eigentliche Problem lag weniger in einer Ideologie als in der Art, wie Öffentlichkeit und Presse daraus Geschichten über das Böse formten. Diese Geschichten gaben der Satanic Panic der 1990er Jahre neue Nahrung und hallen bis heute nach.
The Ripper Crew (USA, 1981 bis 1982)
Zwischen 1981 und 1982 ermordete eine Gruppe junger Männer in Chicago mindestens vier Frauen, wahrscheinlich mehr. Angeführt wurde die sogenannte Ripper Crew von Robin Gecht, einem früheren Mitarbeiter des Serienmörders John Wayne Gacy. Die Täter entführten, folterten und verstümmelten ihre Opfer mit extremer Brutalität. Medien erklärten die Morde sofort zu satanischen Ritualen.
Es hiess, die Gruppe habe nach den Taten makabre Zeremonien abgehalten und aus einem Buch über Satan gelesen. Doch Beweise für eine echte Ideologie gab es keine. Weder gehörten die Männer einer organisierten Bewegung an, noch folgten sie einem Glaubenssystem. Ihre Gewalt beruhte auf psychischen Störungen, Sadismus und gegenseitiger Abhängigkeit, nicht auf Religion.
Trotzdem passte der Fall perfekt in die beginnende Welle der moralischen Panik. Die Presse verband reale Gewalt mit Symbolik und erschuf daraus das Bild eines teuflischen Kults. Die Ripper Crew wurde so zum frühen Beispiel dafür, wie sich Kriminalität, Medien und Mythos zu einer Geschichte über das Böse vereinten.
So wie dieser Fall den Beginn der Angst markierte, zeigte sich ein Jahrzehnt später, wie weit sie sich ausbreiten konnte.
West Memphis Three (USA, 1993)
Am 5. Mai 1993 wurden in West Memphis (Arkansas) die Leichen von drei achtjährigen Jungen gefunden. Die Polizei verhaftete kurz darauf drei Jugendliche, Damien Echols, Jason Baldwin und Jessie Misskelley Jr., und erklärte sie zu Mitgliedern eines satanischen Zirkels. Beweise gab es kaum, doch Kleidung, Musikgeschmack und Gerüchte über Okkultismus reichten, um die öffentliche Meinung gegen sie zu wenden.
Der Prozess beruhte weitgehend auf Angst, Vorurteilen und einem erzwungenen Geständnis. 1994 wurden die drei schuldig gesprochen, Echols erhielt die Todesstrafe, die anderen zwei langjährige Haftstrafen. Erst moderne DNA-Analysen bewiesen, dass keiner von ihnen mit der Tat in Verbindung stand. Nach fast zwei Jahrzehnten im Gefängnis kamen sie 2011 im Rahmen eines Alford Plea frei. Der Fall steht bis heute als Symbol für die Satanic Panic jener Jahre, in denen moralische Hysterie über der Wahrheit stand.
Der Spielfilm Devil’s Knot (2013) von Atom Egoyan basiert auf dem gleichnamigen Buch von Mara Leveritt und erzählt den Fall der West Memphis Three aus Sicht der Eltern und Ermittler. Der Film zeigt, wie Vorurteile, religiöse Hysterie und öffentlicher Druck eine Ermittlung in eine moralische Hexenjagd verwandelten. Er verzichtet auf Effekte und betont, dass der wahre Schrecken nicht in einem Kult lag, sondern in der Angst einer Gesellschaft, die das Böse um jeden Preis benennen wollte.
Varg Vikernes (Norwegen, 1993)
Im August 1993 erstach der Musiker Varg Vikernes, Gründer des Ein-Mann-Projekts Burzum und zeitweiliges Mitglied von Mayhem, den Gitarristen Øystein „Euronymous“ Aarseth in Oslo. Der Mord folgte einer langen Reihe von Konflikten innerhalb der norwegischen Black-Metal-Szene. Als mögliche Motive galten Geldstreitigkeiten, persönliche Rivalität und gegenseitige Drohungen. Wahrscheinlich ging es um Macht, Kontrolle und verletzten Stolz, nicht um Religion oder Ideologie.
Vikernes war und ist bekennender Nationalsozialist, der in seinen Schriften und Online-Beiträgen offen rassistische, antisemitische und geschichtsrevisionistische Ansichten vertritt. Seine Haltung fand vor allem im Umfeld des National Socialist Black Metal (NSBM) Anklang, einer ideologisch aufgeladenen Strömung, die mit der ursprünglichen Idee des Genres kaum etwas zu tun hat.
Zwar teilt ein grosser Teil der Black-Metal-Szene eine misanthropische Grundhaltung, doch richtet sich diese gegen die Menschheit als Ganzes, nicht gegen einzelne Gruppen. Viele Musiker und Fans lehnen Vikernes und seine Ideologie entschieden ab, weil sie die Freiheit des Denkens und den schöpferischen Nihilismus des Genres durch politische Dogmen ersetzt.
Sein Album Filosofem gilt als wegweisend im Black Metal, vor allem durch seinen kalten, minimalistischen Klang und den experimentellen Einsatz von Atmosphäre und Lo-Fi-Ästhetik. Es entstand, bevor Vikernes seine ideologische Radikalisierung offen auslebte, und bleibt deshalb eines der letzten Werke, das ausschliesslich aus künstlerischem Antrieb hervorging.
Er wurde 1994 zu 21 Jahren Haft verurteilt, auch wegen mehrerer Kirchenbrandstiftungen. Nach seiner Entlassung 2009 zog er nach Frankreich, wo er sich zwar öffentlich von der Szene distanzierte, ideologisch jedoch unverändert radikal blieb. 2014 wurde er dort wegen Anstiftung zu Rassenhass und Verherrlichung von Kriegsverbrechen verurteilt. Trotz wiederholter Sperrungen seiner Online-Kanäle verbreitet er bis heute völkische und antisemitische Inhalte, oft getarnt als heidnische Kulturkritik.
Nur ein Jahr vor Aarseths Tod hatte bereits Bård „Faust“ Eithun von Emperor einen Mann ermordet, eine Tat, die von den Medien sofort als «satanisch» bezeichnet wurde. Faust selbst erklärte später, sie habe keinerlei religiösen oder ideologischen Hintergrund gehabt. Dennoch trug sie wesentlich dazu bei, das Bild einer gewalttätigen, okkulten Bewegung zu festigen, die in Wirklichkeit nie existierte.
Die filmische Aufarbeitung Lords of Chaos (2018) von Jonas Åkerlund basiert auf dem gleichnamigen Buch von Michael Moynihan und Didrik Søderlind. Er erzählt die Anfänge der norwegischen Black-Metal-Szene Anfang der 1990er Jahre und zeigt, wie Provokation, Ideologie und Gewalt ineinandergriffen. Im Zentrum steht die Beziehung zwischen Øystein „Euronymous“ Aarseth und Varg Vikernes, die in Mord und Mythen endete. Auch die Tat von Bård „Faust“ Eithun, dem Schlagzeuger von Emperor, wird in einem kurzen Nebenstrang gezeigt und verdeutlicht, wie sich die Grenzen zwischen Spiel, Symbol und Realität zunehmend auflösten.
Jon Nödtveidt (Schweden, 1997)
Der schwedische Musiker Jon Andreas Nödtveidt, Frontmann von Dissection, wurde 1998 wegen Beihilfe zum Mord an einem 37-jährigen Algerier verurteilt. Gemeinsam mit einem Bekannten, Vladislav Gruzdev, gehörte er einer okkulten Gruppe an, der Misanthropic Luciferian Order. Das Opfer wurde in Göteborg erschossen. Die Medien sahen darin sofort einen «Satanistenmord», doch Beweise für ein Ritual gab es nie. Nach sieben Jahren Haft kehrte Nödtveidt mit dem Album Reinkaos zurück, bevor er sich 2006 das Leben nahm, inmitten eines rituellen Arrangements, das seine Überzeugung widerspiegelte.
Jarno Elg (Finnland, 1998)
Im November 1998 folterte und tötete Jarno Sebastian Elg in Hyvinkää einen 23-jährigen Mann unter grausamen Umständen. Das Opfer wurde gefesselt, geschlagen und mit Klebeband erstickt, während Musik der Black-Metal-Band Ancient lief, was für die Medien der Beweis war, dass es sich um einen «Satanistenmord» handelte, obwohl der tatsächliche Hintergrund bis heute unklar bleibt. Wegen der Brutalität sind die Gerichtsakten für 40 Jahre gesperrt, bis 2039. Elg wurde zu lebenslanger Haft verurteilt und 2016 auf Bewährung entlassen.
Daniel und Manuela Ruda (Deutschland, 2001)
Am 6. Juli 2001 ermordeten Daniel und Manuela Ruda in Witten (Nordrhein-Westfalen) ihren Bekannten Frank Hackert. Der Tatort war mit Kerzen, Symbolen und einem Sarg geschmückt. Bilder, die in der Presse sofort als Beweis für satanische Motive galten. Tatsächlich litten beide unter schweren psychischen Störungen und lebten in einer Fantasiewelt, in der Satan für Macht und Ausgrenzung stand. Ihre Tat war kein ideologischer Akt, sondern Ausdruck eines Wahns, den die Medien fälschlich als Satanismus interpretierten.
Russland: Moralische Kontrolle durch Angst
Auch in Russland wurden wiederholt Morde als satanisch bezeichnet, meist von Medien oder Behörden, die damit moralische Kontrolle rechtfertigen wollten. Ein ausdrückliches Verbot des Satanismus existiert dort zwar nicht, doch staatliche Stellen gehen seit Jahren gegen Gruppen vor, denen man satanische Bezüge nachsagt. Grundlage dafür sind Gesetze gegen Extremismus, Blasphemie oder die Verletzung religiöser Gefühle, die sehr weit ausgelegt werden können.
In jüngerer Zeit richtet sich diese Rhetorik zunehmend auch gegen LGBTQ-Personen, die von Politikern und orthodoxen Geistlichen als Teil einer angeblich satanischen Agenda des Westens dargestellt werden. Diese Gleichsetzung dient dazu, Angst und Feindbilder zu erzeugen und gleichzeitig von inneren Problemen abzulenken.
In Wahrheit gibt es in Russland kaum belegte Fälle echten Satanismus’ im ideologischen Sinn. Was dort als «satanisch» bezeichnet wird, ist meist Ausdruck einer kulturellen Abwehrreaktion gegenüber allem, was nicht in das staatlich oder religiös gewünschte Weltbild passt. Der Begriff wird so zu einem Werkzeug, das Angst erzeugt, wo Differenzierung nötig wäre.
Das alte Muster im Westen
Ähnliche Tendenzen zeigen sich inzwischen auch in den Vereinigten Staaten, wo konservative Politiker und religiöse Aktivisten zunehmend dazu übergehen, Satanismus als Sammelbegriff für alles zu verwenden, was nicht mit ihren Moralvorstellungen übereinstimmt. Themen wie Abtreibungsrechte, Gleichstellung, LGBTQ oder säkularer Humanismus werden dort immer häufiger als Teil einer «satanischen Verschwörung» bezeichnet. Damit wiederholt sich ein altes Muster, in dem der Teufel nicht als Symbol des Bösen verstanden wird, sondern als politisches Werkzeug, um Angst zu schüren und gesellschaftliche Spaltung zu vertiefen.
Während man bei christlichen oder islamischen Verbrechen von «Terrorismus» spricht oder erklärt, es handle sich um keine echten Gläubigen, wird bei sogenannten satanischen Morden der gesamte Fokus auf die «Religion» Satanismus gelegt.
So entsteht ein groteskes Missverhältnis. Die grossen Religionen haben in ihrer Geschichte unzählige Kriege, Verfolgungen und Morde legitimiert, doch ein einzelner als «satanisch» bezeichneter Fall genügt, um die uralte Angst vor dem Teufel wiederzubeleben. Der Satanismus wird so zum Spiegel, in dem Religion ihr eigenes Gewaltpotenzial nicht erkennt.
Der Mythos vom satanischen Täter
Diese Fälle zeigen, wie schmal die Grenze zwischen realem Glauben, psychischer Störung und medialer Konstruktion ist. Das Etikett «satanistisch» dient oft dazu, das Unbegreifliche erklärbar zu machen. Es verwandelt individuelle Gewalt in ein kollektives Narrativ und erzeugt so den Mythos vom satanischen Täter, der die Gesellschaft entlastet, indem er das Böse externalisiert.
Satanismus, ob in der von LaVey geprägten oder in der modernen atheistischen Form des The Satanic Temple, kennt keine Opfer und keine Gewalt. Zwar existieren bei der Church of Satan rituelle Praktiken, doch sie sind symbolischer und psychologischer Natur, eher Theater als Theologie. Organisierter Satanismus ist im Kern eine säkulare Weltanschauung mit provokativer Symbolik, eine bewusste Gegenposition zu religiösem Dogma und Heuchelei.
Der sogenannte satanische Mord ist kein Spiegel der Realität, sondern ein Erbe kirchlicher Angstpropaganda, das von Freikirchen und Medien bis heute gepflegt wird, um das alte Bild des gefährlichen, dunklen Anderen zu bewahren.
Diese selektive Logik verrät mehr über die religiöse Angst der Gesellschaft als über den Satanismus selbst. Sie zeigt, dass der Begriff «satanisch» längst kein Faktum beschreibt, sondern eine moralische Waffe geblieben ist, eine, die jede Aufklärung sofort zum Verstummen bringen soll.
Diese Dynamik setzt sich in der Popkultur fort. Was im Gerichtssaal oder in den Schlagzeilen als Beweis für das Böse herhalten musste, fand auf Bühnen, Plattencovern und Leinwänden ein neues Leben. Die Angst blieb, sie wechselte nur die Form, vom angeblichen Ritualmord zum Musikvideo, vom Exorzismus zur Massenhysterie.
Musik vor Gericht: Wenn Satan zur Beweislast wird
In den achtziger und frühen neunziger Jahren erreichte die Angst vor Satanismus einen neuen Höhepunkt. Nicht mehr nur Horrorfilme, sondern Rock- und Metalbands wurden zu Angeklagten einer Kultur, die ihre eigenen Ängste nicht mehr kontrollieren konnte.
Vor Gericht standen Musiker, nicht wegen tatsächlicher Verbrechen, sondern wegen angeblicher Einflüsse. In den Vereinigten Staaten klagten Eltern und kirchliche Gruppen gegen Bands wie Judas Priest, Ozzy Osbourne, Twisted Sister, AC/DC und Marilyn Manson. Der Vorwurf: Ihre Musik würde Jugendliche zu Selbstmord, Gewalt oder Satanismus anstiften.
Teuflische Manipulation und Judas Priest
Im Fall von Judas Priest im Jahr 1985 behaupteten die Eltern zweier Jugendlicher, ihre Söhne hätten sich wegen angeblicher versteckter Rückwärtstexte das Leben genommen. Das Gericht liess tatsächlich Toningenieure und Sprachwissenschaftler auftreten, um die Aufnahmen rückwärts abzuspielen und nach versteckten Botschaften zu suchen. Die Klage wurde schliesslich abgewiesen, doch die Vorstellung, dass Musik zu teuflischer Manipulation fähig sei, hatte sich in der Öffentlichkeit festgesetzt.
Suicide Solution und Ozzy Osbourne
Ozzy Osbourne musste sich wegen seines Songs Suicide Solution mehrfach vor Gericht rechtfertigen. Die Zeile «Why try? Get the gun and shoot» wurde als Aufruf zum Selbstmord verstanden, obwohl der Song in Wirklichkeit den Tod durch Alkoholismus und den inneren Zerfall beschreibt. Der Text war als Warnung gemeint, nicht als Einladung.
Trotzdem verklagten die Eltern eines Jugendlichen Osbourne, nachdem sich ihr Sohn nach wiederholtem Hören des Liedes das Leben genommen hatte. Der Musiker wurde freigesprochen, doch der Prozess hatte bereits Wirkung gezeigt. In den Augen der Öffentlichkeit war der Schuldige nicht die soziale Isolation oder die Verzweiflung des Jungen, sondern die Musik selbst.
Das Columbine Massaker und Marilyn Manson
Marilyn Manson wurde nach dem Schulmassaker von Columbine zum personifizierten Sündenbock erklärt. Die Medien suchten nach einem Gesicht für das Unbegreifliche und fanden es in einem Musiker, der perfekt in ihr Bild passte. Satanismus, Gewalt und Jugend, alles schien zu stimmen. Tatsächlich aber hörten die Täter weder seine Musik noch teilten sie seine Ideologie. In ihren Aufzeichnungen fanden sich keine religiösen Motive, sondern Hass, Selbstüberhöhung und die Wut zweier junger Männer, die sich als Götter in einer feindlichen Welt sahen. Beide waren über Jahre Opfer von Ausgrenzung und Mobbing, was ihren Zorn auf Mitschüler und Gesellschaft weiter verstärkte. Die Tat war kein Akt des Satanismus, sondern eine Explosion von verletztem Stolz, Selbsthass und der Sehnsucht, Kontrolle über ein Leben zu gewinnen, das sie als feindlich empfanden.
Diese Verfahren zeigen, wie tief religiöse Paranoia in der Popkultur verankert war. Nicht Inhalte, sondern Symbole entschieden über Schuld. Ein umgedrehtes Kreuz, schwarzer Eyeliner, der Name Luzifer, alles genügte, um moralische Panik auszulösen.
Rock und Metal boten die passenden Bilder: Dunkelheit, Lautstärke und Rebellion.
Statt soziale Ursachen oder psychische Not zu erkennen, machten Medien und Politik einzelne Künstler zu Sündenböcken. So entstand die Vorstellung, Musik könne zur Verführung führen, Worte könnten töten und Stil allein sei schon Beweis für Schuld.
Was als Musik begann, wurde zur theologischen Beweisführung. Rockmusik diente als Projektionsfläche für das, was konservative Gesellschaften in ihren eigenen Kindern nicht mehr verstanden.
Vom Gerichtssaal ins Internet: Die digitale Wiedergeburt der Angst
Was in den Achtzigerjahren in Gerichtssälen verhandelt wurde, spielt sich heute in Kommentarspalten und Telegram-Gruppen ab. Die Sprache hat sich verändert, doch das Muster der Angst bleibt dasselbe.
Mit dem Internet fand die Satanic Panic ein neues Zuhause. Alte Erzählungen erhielten digitale Reichweite, neue Feindbilder kamen hinzu. Plattformen wie YouTube, Facebook und später Telegram machten aus religiöser Furcht algorithmische Erregung. Alles, was Empörung, Hass oder Panik auslöst, wird belohnt.
So wuchs ein digitales Milieu, in dem jahrhundertealte Motive neues Leben fanden. Die Vorstellung geheimer Zirkel, Kinderopfer, Blutrituale und finsterer Eliten verwandelte sich in eine moderne Ersatzreligion. Unter dem Namen QAnon formte sich ab 2017 eine Bewegung, die behauptete, eine satanische Weltverschwörung stehe hinter Politik, Medien und Unterhaltung.
Diese Mythen sind älter als jede moderne Verschwörung. Sie greifen jene antisemitischen Erzählungen auf, die seit dem Mittelalter von Ritualmorden, Blutopfern und geheimen Komplotten berichten. Das Muster blieb unverändert: Eine Minderheit wird zum Ursprung des Bösen erklärt, als Feind der Unschuldigen, als unsichtbare Macht hinter den Kulissen.
Zwar werden die Juden in gewissen Kreisen noch immer als Wurzel allen Übels dargestellt, doch der Hass hat sich ausgeweitet. Heute umfasst er alles, was als «satanisch» etikettiert werden kann: Eliten, Linke, Künstler:innen, Religionslose oder Angehörige der LGBTQ-Community. Der Begriff Satanismus wurde zu einem Sammelbegriff für Menschen, die nicht in das eigene religiöse oder nationalistische Weltbild passen. Verbunden ist dieses Denken meist mit Verschwörungserzählungen, religiöser Verblendung und rechtsnationalistischem Gedankengut.
In der digitalen Gegenwart wurden die alten Bilder neu codiert. Die Medien, die einst Musiker oder Filme dämonisierten, sind selbst zu Zielscheiben geworden. QAnon war die logische Fortsetzung der Satanic Panic, nur grösser, vernetzter und politischer. Die Mechanismen blieben dieselben: Schuld durch Symbolik, Angst durch Wiederholung, Glaube als Wahrheit. Was einst als Moralpanik begann, hat sich zu einer globalen Paranoia entwickelt, zu einem geschlossenen Glaubenssystem ohne Kirche, aber mit denselben Dogmen. Es geht immer noch um dieselben Gegensätze, um das ewige Ringen zwischen Gut und Böse, zwischen Licht und Finsternis, um die Vorstellung, dass Erlösung nur durch blinden Glauben möglich sei. In dieser neuen Form des digitalen Exorzismus verschmelzen Religion, Politik und Popkultur. Der Teufel ist wieder da, doch diesmal kommt er aus dem Algorithmus.
Die Geschichte des Satanismus im öffentlichen Bewusstsein ist keine Geschichte über den Teufel, sondern über Angst. Über die Bereitschaft von Gesellschaften, Mythen zu glauben, wenn sie Ordnung versprechen. Über die Bequemlichkeit, das Böse nach aussen zu verlagern, um es nicht im eigenen Denken suchen zu müssen.
Die Geschichte schliesst sich, aber sie wird lauter. Was einst ein Prediger auf der Kanzel behauptete, verbreitet sich heute millionenfach im Netz. Die Angst braucht keine Kirche mehr. Sie hat WLAN.
Und genau deshalb bleibt Aufklärung die grösste Provokation für jedes Glaubenssystem.
„Lachen tötet die Furcht, und ohne Furcht kann es keinen Glauben geben. Wer den Teufel nicht fürchtet, braucht keinen Gott mehr.“
– Umberto Eco, Der Name der Rose (1980)
Hollywood und die Rückkehr der Erlösung
Das, wovor Umberto Eco warnte, scheint sich erfüllt zu haben. Das befreiende Lachen ist leiser geworden, die Furcht bleibt. In Form moralischer Ernsthaftigkeit, die jede Ironie misstrauisch beäugt. Und mit ihr die alte Versuchung, das Böse wieder sichtbar zu machen, diesmal nicht durch Theologie, sondern durch Streaming und Franchise.
Während sich die Gesellschaft zunehmend polarisiert, zeigt auch Hollywood Anzeichen einer neuen religiösen Strömung. Nach Jahrzehnten ironischer Distanz und postmoderner Dekonstruktion kehren christliche Narrative in grossen Produktionen wieder zurück, meist in moralisch verkleideter Form. Der Teufel wird seltener gezeigt, aber das Bedürfnis nach Erlösung ist deutlicher spürbar.
Das Franchise The Conjuring, aber auch Filme wie Sound of Freedom, Nefarious oder neuere Netflix-Produktionen wie Midnight Mass, The Devil on Trial oder The Chosen One inszenieren den Glauben als Schutzschild gegen Chaos und zelebrieren dabei auf subtile Weise das Christentum als Heilsversprechen in einer entgleisten Welt.
Natürlich gäbe es noch zahlreiche weitere Beispiele für diesen neuen christlichen Einfluss im Mainstreamkino, doch deren Aufzählung würde hier den Rahmen sprengen.
Die Ästhetik des Satans ist längst im Mainstream angekommen. Was einst Schock, Tabubruch oder spirituelle Provokation war, ist heute Routine. Kreuze, Dämonen und Besessenheit erscheinen nicht mehr als Bedrohung, sondern als vertraute Requisiten einer Industrie, die das Böse verkauft, um das Gute zu bestätigen.
Die religiöse Rückkehr in Hollywood fällt nicht zufällig in eine Zeit, in der konservative Kräfte in den Vereinigten Staaten wieder stärker Einfluss auf Kultur und Bildung nehmen. Der politische Diskurs wird zunehmend von einer Rhetorik bestimmt, die Moral über Freiheit stellt. Begriffe wie «family values», «spiritual warfare» und «God’s nation» haben sich aus den Kirchen längst in die Medien und Drehbuchzimmer hinein verschoben.
Traditionalistische Katholiken wie Mel Gibson, den Donald Trump Anfang 2025 zum Sonderbotschafter Hollywoods ernannte, oder konservative Schauspieler wie Jon Voight und Sylvester Stallone agieren zunehmend als moralische Instanzen innerhalb der Branche. Offiziell sollen sie helfen, die amerikanische Filmindustrie zu alter Stärke zurückzuführen. In der Praxis steht ihre Ernennung jedoch für eine symbolische Rückeroberung des kulturellen Raums durch religiös-konservative Kräfte. Gibson gilt als Vertreter eines fundamentalistischen Katholizismus, Voight verbindet seine politischen Positionen mit moralischen Appellen, und Stallone betont in Interviews immer wieder die Bedeutung des Glaubens als Quelle von Hoffnung und Ausdauer. Gemeinsam verkörpern sie eine Bewegung, die weniger an künstlerischer Vielfalt interessiert ist als an der Wiederherstellung eines nationalmoralischen Selbstbilds. Moral ersetzt Debatte, und Glauben wird wieder zum Prüfstein künstlerischer Legitimität.

Zugleich verschärft die Regierung ihren ökonomischen Zugriff. Donald Trump hat angekündigt, ausländische Filme künftig mit Strafzöllen zu belegen, angeblich um die amerikanische Filmproduktion zu schützen. Offiziell wird dies mit der Abwanderung von Dreharbeiten ins Ausland und dem Verlust nationaler Kontrolle über kulturelle Inhalte begründet. Noch ist unklar, wie solche Strafzölle überhaupt umgesetzt werden sollen, da die meisten Produktionen international finanziert und digital vertrieben sind. Doch die Botschaft ist deutlich: Kunst wird wieder zu einem politischen Faktor. Ein Klima entsteht, in dem Kulturpolitik zunehmend nach Loyalität fragt, bevor sie fördert.
Hollywood reagiert nicht aus Glauben, sondern aus Angst. In einer Zeit, in der Fundamentalismus und politische Polarisierung wachsen, wird das Religiöse wieder zum narrativen Mittel der Kontrolle. Es bietet Orientierung, wo keine mehr ist, und verwandelt Spiritualität in ein Konsumprodukt.
Nietzsche schrieb, dass wahres Denken im Zweifel beginnt. Der Fanatiker dagegen verlangt Gewissheit, nicht Wahrheit. Darum bin ich lieber von hundert Satanist:innen umgeben, die ihre Freiheit hinterfragen, als von einem Fundamentalisten, der seine Moral aus der Furcht vor einem unsichtbaren Gott zieht und damit die individuelle Freiheit Andersdenkender einschränken oder gar vernichten will.
Quellen
- They were talked about… and they were out there. Witchcraft in the Pyrenees and western districts
- Dinner with the Devil: An evening with Anton Szandor LaVey, the High Priest of the Church of Satan
- Sympathy For the Devil
- Stereotypes about the inquisitorial persecution of witchcraft
- Russia’s top court bans nonexistent ‘Satanist movement’
- Geldstrafe wegen Satanismus Vorwurf in Russland
- Satanismus in Russland verboten
- Mordfall von Witten
- Jarno Elg, the cannibal satanist: still a “top secret” case
- ‚Before you know it, it’s not a big deal to kill a man‘: Norwegian black metal’s murderous past
- Until the Light Takes Us (Dokumentation)
- Varg Vikernes, le goût amer d’une procédure
- Interview with Bard Faust 2000
- Gaahl Says Emperor’s Faust Was His First Supporter When He Came Out As Gay
- People v. Kokoraleis
- The ‚Ripper Crew‘ Terrorized Women In 1980s; One Of The Members, Thomas Kokoraleis, Tells CBS 2 ‚I Am Not A Monster‘
- West Memphis Three Trials: The Transcripts
- The West Memphis Three Trials: An Account
- The Grief Prophesy (der Jon Nödtveidt Fall)
- Religion, Esotericism, and Suicide. 5. Jon Nödtveidt and the Misanthropic Luciferian Order
- Lessons from the Judas Priest trial
- Is Litigation the „Suicide Solution“?
- Highways to Hell: How the Intersections of Cinema, Rock Music and the Resurgence of Evangelicalism Influenced the 1985 Senate Hearing on Rock Music“
- Atheism in American Rock and Metal Music (1989-2001): Satanic, Subversive, and un-American?
- Demons, Devils and Witches. The Occult in Heavy Metal Music
- ‘Party of Satan!’ Trump uncorks bizarre rant weeks after Kirk rhetoric blame game
- Chechnya mufti: Jews are the ‚enemies of Islam,‘ spreading Atheism, Satanism
- Satanic Temple lawsuit against Idaho’s abortion law turned down at Ninth Circuit Court
- Satanic abuse, false memories, weird beliefs and moral panics
- A Goat for Azazel: Abjection Theory and the Satanic Panic
- The Devil Is in The Details: An Analysis of the Satanic Panic
- Trump says US to impose 100% tariff on movies made outside the country
- Trump Brands Dems the ‘Party of Satan’ in Unhinged Rant
- The new “Satanic Panic”? Responding ethically to online anxiety over the devil and all his works
- Putin sets sights on a new ‘western enemy’ — the devil
- Putin attacks West as ’satanic‘, hails Russian „traditional“ values
- Sylvester Stallone, Mel Gibson and Jon Voight Named Hollywood’s “Special Ambassadors” by Trump
- Contemporary Religious Satanism (Buch)
- The Encyclopedic Sourcebook of Satanism (Buch)
- Church of Satan
- Church of Satan: eine Kirche der Teufelsanbeter?
- Church of Satan (CoS) auf relinfo
- The Satanic Temple

