Eigentlich wollte ich mich nur gruseln. Ein edles Sanatorium in den Bündner Alpen, dunkle Geheimnisse und die gewohnt sterile Ästhetik von Gore Verbinski. Das klang nach dem perfekten Kinoabend. Doch was als Mystery-Trip geplant war, endete in einem zweistündigen Anfall von A Cure for WTF.
Warum? Weil dieser Film kein Horror, sondern eine unfreiwillige geografische Komödie ist. Es ist nicht nur ein einzelner Fehler, der stört, sondern das konsequente Gesamtwerk an Ignoranz gegenüber der Schweizer Realität. Wer weiss, wie sich eine echte Schweizer Passstrasse anfühlt oder wie ein SBB-Billett aussieht, erlebt hier ein visuelles schwarzes Loch. Hollywood scheint zu glauben, dass ein paar Berge und ein beliebiges Dorf als Kulisse ausreichen, um ein Land darzustellen, das in Wahrheit eine völlig andere Identität besitzt.
Die Anatomie der optischen Hochstapelei
Schon zu Beginn des Films wird die geografische Glaubwürdigkeit mit Hochgeschwindigkeit gegen die Wand gefahren. Als visuelles Alibi dient eine Luftaufnahme des weltberühmten Landwasserviadukts, die dem Publikum suggerieren soll, dass wir uns wirklich in Graubünden befinden. Doch für jede Person, welche die Strecke wirklich befuhr, ist diese Szene purer Slapstick. Während reguläre Schweizer Züge der Rhätischen Bahn (Spurweite: 1000mm) diese Strecke täglich problemlos befahren, ist ein normalspuriger ICE (Spurweite: 1 435mm) schlicht zu breit für diese Gleise. Er würde auf den Schmalspurschienen der RhB sofort entgleisen oder das historische Mauerwerk sprengen.


Kurz nach dieser unmöglichen Überquerung trifft der Protagonist an einem kleinen Bahnhof ein und entsteigt eben diesem ICE der Deutschen Bahn. Wer jemals in der Region war, weiss: Ein ICE würde niemals durch die Bündner Berglandschaft kurven. Tatsächlich wurde diese Szene am Bahnhof Oberhof im Thüringer Wald gedreht, einem Ort, den ein ICE im echten Betrieb gar nicht ansteuert. Man betrieb sogar den Aufwand, einen echten ICE TD der Baureihe 605, eine diesel-elektrische Version, für die Dreharbeiten nach Oberhof zu bringen und ihn so zu lackieren, dass ein SBB-Logo darauf zu sehen ist.
Während dort in der Realität ein bewaldeter Mittelgebirgshintergrund zu sehen wäre, wurde für den Film per Post-Production ein gewaltiges Alpenmassiv eingefügt. Für ein amerikanisches Produktionsteam mag ein weiss-roter Schnellzug vor künstlichen Gipfeln nach der Schweiz aussehen, für unser Auge ist das Betrug. Dass hier ein Symbol modernster Technik über ein Schmalspurdenkmal rollt und danach an einem thüringischen Bahnhof hält, ist ein bizarres Puzzlestück der Inszenierung. Es entlarvt den erzählerischen Widerspruch des Films: Einerseits nutzt man die technologische Moderne als Kulisse, andererseits wird die lokale Bevölkerung als völlig rückständig und isoliert dargestellt. Um es in Relation zu setzen, wäre das gesamte Setting so, als würde man versuchen, einen Ozeandampfer über den Zürichsee zu manövrieren.


Und wir beginnen erst mit der Reise der Absurdität. Horror funktioniert oft über die sogenannte Suspension of Disbelief. Damit ist die willentliche Aussetzung der Ungläubigkeit gemeint, also die Bereitschaft der Zuschauenden, Unmögliches oder Unlogisches als wahr zu akzeptieren, um der Geschichte folgen zu können. Doch wie soll das gehen, wenn mein Hirn im Sekundentakt Fehlermeldungen produziert? Wenn die Architektur nach Preussen schreit, die Statist:innen wie Gestalten aus einem veralteten New Wave Musikvideo wirken und die Geografie so gewürfelt ist, dass man sich fragt, ob das Produktionsteam jemals eine Schweizer Landkarte gesehen hat?
Wer glaubt, ein Schweizer Sanatorium sehe aus wie eine preussische Trutzburg, hat sich mit der schweizerischen Architektur nicht wirklich auseinandergesetzt. Das im Film gefeierte Schloss ist in Wahrheit die Burg Hohenzollern in Baden-Württemberg. Ein architektonisches Prunkstück, sicher, aber für ein Schweizer Auge so authentisch wie ein Fondue mit Gouda. Das Bergdorf am Fusse des Berges wirkt zudem, als hätten die Gebrüder Grimm auf einem Rastplatz in Sachsen-Anhalt Regie geführt. Tatsächlich wurden die Szenen im deutschen Ort Schraplau gedreht.
Sogar bei den persönlichen Accessoires zeigt sich diese bizarre Logik. Während die Umgebung und die Technik wirken, als wären sie in der Zeit stehen geblieben, trägt der Protagonist Lockhart eine Rolex am Handgelenk.
Es ist bezeichnend und fast schon schmerzhaft ironisch: Eine Luxusuhr ist wohl das einzige wirklich Schweizerische in diesem Film. Hollywood nutzt das prestigeträchtige Image einer Schweizer Marke, um Wohlstand und Status des New Yorker Bankers zu markieren, während es gleichzeitig eine Bevölkerung zeigt, die völlig aus der Zeit gefallen ist. Diese Dorfbewohner wirken wie eine Mischung aus einem amerikanischen Backwood-Horror und der New-Wave-Kultur der Achtzigerjahre. Man nimmt den Schweizer Wohlstand als prestigeträchtige Kulisse, entzieht den Menschen vor Ort aber jegliche Modernität und Zivilisation. Dabei führt die Schweiz regelmässig die globalen Rankings der innovativsten Länder an. Ein solcher Spitzenplatz bei Forschung und Fortschritt wäre mit derart rückständigen Bewohnern, wie sie der Film zeichnet, wohl kaum möglich.
Hier nachzulesen: https://www.wipo.int/en/web/global-innovation-index/2025/index
Die Bar: Ein akustisches und visuelles Desaster
Besonders absurd wird es in der Barszene. Es ist nicht das Problem, dass Bands wie Rammstein oder Oomph laufen. Das Problem ist die Suggestion, dass man in der Schweiz ausschliesslich deutsche Musik hört. Diese akustische Monokultur ist ein billiges Klischee, das die Eigenständigkeit der Schweizer Kultur komplett ignoriert.
Und vom Dialekt der «Schweizer:innen» will ich erst gar nicht beginnen. Entweder sprechen sie perfektes Hochdeutsch und jene, die einen Akzent vortäuschen, klingen nicht annähernd wie eine schweizerische Person. Es wird ein vager ausländischer Akzent eingebaut, welcher vom Dialekt her noch nicht einmal versucht, den originalen Ton eines hochdeutschsprechenden Schweizers zu imitieren. Ausnahme ist der Dorfschlachter, welcher zumindest in der deutschen Synchronfassung dem Dialekt am nächsten kommt. In der Originalversion sprechen sie Englisch oder Deutsch. Weder Rätoromanisch noch Schweizerdeutsch.
Dazu passt das visuelle Durcheinander. Die Gäste trinken ihr Bier aus rundlichen Humpen, die ich eher in Deutschland verorte als in einer Bündner Beiz. An dieser Stelle darf man mich gerne korrigieren, falls jemand tatsächlich eine Beiz im Bündnerland kennt, die solche Humpen als Standard führt, doch für mich bleibt es ein Fremdkörper.

Was die technische Ausstattung angeht, wird es vollends surreal. Lockhart telefoniert in der Bar mit einem Apparat, der direkt aus einem Museum für Kommunikation entwendet worden sein könnte. Ein Telefon mit Wählscheibe in einer Bündner Beiz des Jahres 2016 ist etwa so wahrscheinlich wie ein stabiles 5G-Netz auf dem Gipfel des Piz Bernina im Jahr 1950. In der Schweiz wurde die analoge Technik längst beerdigt, doch für den Film musste offenbar jedes Klischee der zeitlosen Isolation bedient werden. Während die Welt draussen digital kommuniziert, wird hier noch mühsam gekurbelt. Ein technischer Anachronismus, der perfekt zum restlichen Requisitensalat passt. Auch der alte Zigarettenautomat an der Wand wirkt wie aus einer anderen Zeit gefallen. In der realen Schweiz sind solche klobigen Geräte längst durch moderne digitale Automaten ersetzt worden. Die Gäste selbst wirken derweil wie eine amerikanische Vorstellung europäischer Subkultur aus den Achtzigerjahren.



Gekrönt wird dieses Chaos durch das polizeiliche Erscheinungsbild. Zum Zeitpunkt des Filmdrehs galt die Schweizer Polizei international als modisches und funktionales Vorbild, das konsequent auf elegantes Blau setzte. In der Welt von «A Cure for Wellness» hingegen trägt der Polizist eine olivgrüne Uniform, die optisch irgendwo zwischen Nachkriegszeit und den frühen 70er Jahren stecken geblieben ist. Als wäre dieser farbliche Anachronismus nicht schon schlimm genug, prangt auf diesem grünen Relikt auch noch prominent ein Aargauer Wappen. Man muss sich die Dimension dieses Fehlers vor Augen führen, denn die polizeiliche Zuständigkeit ist in der Schweiz strikt kantonal geregelt. Ein Aargauer Polizist in Graubünden ist etwa so deplatziert wie ein Officer des NYPD, der plötzlich in den Strassen von Los Angeles Streife fährt.

Inmitten dieser cineastischen Wüste gibt es jedoch einen winzigen Moment der Hoffnung. Einer der Barbesucher übergibt Mia Goth tatsächlich einen echten Einfränkler. Glücklicherweise blieb uns hier ein Euro erspart. Es ist wohl die einzige akkurate Requisite des gesamten Dorfes. Doch selbst im dörflichen Umfeld wirkt das restliche Inventar völlig deplatziert. Das alte Damenvelo etwa unterstreicht diesen gewollten, aber unpassenden Retro-Look, der mit der Realität in den Alpen nichts zu tun hat. Viel Spass beim Versuch, mit einem Dreigangvelo die Bündner Berge zu bezwingen.
Der hygienische Horror: Wo bleibt das Gesundheitsamt?
Ein weiterer Punkt, der jeden Schweizer fassungslos zurücklässt, ist der Zustand des Dorfes. Die Szenerien wirken enorm dreckig und verwahrlost. Besonders die Bar und die Schlachterei sind in einem Zustand, der in der Realität zu einer sofortigen Schliessung führen würde. In einem Land, in dem Lebensmittelinspektoren penibel auf jede Kachel und jede Kühlkette achten, wirkt diese filmische Versifftheit vollkommen deplatziert. Es scheint, als hätte das Produktionsteam Sauberkeit mit mangelndem Grusel gleichgesetzt. Wenn ein echter Gesundheitsinspektor diese Räumlichkeiten betreten würde, wäre der Film nach fünf Minuten vorbei.
Die Schweiz als Hollywoods liebste Mogelpackung
A Cure for Wellness reiht sich nahtlos in eine Liste von Filmen ein, welche die Schweiz als pittoreske Kulisse behaupten, während sie eigentlich ganz woanders drehen. In Die Bourne Identität soll Matt Damon eine Bank in Zürich besuchen. Wer genau hinschaut, erkennt jedoch die tschechische Hauptstadt Prag. Die Strassenbahnen, die Architektur und sogar die Atmosphäre passen einfach nicht zur Limmatstadt. Auch in anderen Produktionen wird die Schweiz oft auf Agentenklischees oder märchenhafte Bergwelten reduziert, während die reale Infrastruktur ignoriert wird.
Strasse in Prag
Koordinaten: 50°05’34.2″N 14°24’31.8″E
Kontext: Linkes Bild im Film The Bourne Identity als Zürich (Schweiz) ausgegeben


Petschek Palast (Prag)
Koordinaten: 50.081576, 14.431228
Kontext: Linkes Bild im Film The Bourne Identity als Gemeinschaft Bank Zürich (Schweiz) ausgegeben


Es geht auch anders: Wenn Hollywood die Schweiz ernst nimmt
Dass es nicht immer nur bei visueller Mogelpackung bleiben muss, beweisen Produktionen, welche die echte Schweiz auf die Leinwand brachten. Rooney Mara stand für The Girl with the Dragon Tattoo wirklich am Flughafen Zürich und im Hotel Dolder Grand. Matt Damon lief für The Informant! ganz real über die Gemüsebrücke (aka Rathausbrücke) in der Zürcher Altstadt und drehte für Syriana direkt an der Genfer Promenade du Lac. In Paolo Sorrentinos Youth waren Michael Caine und Harvey Keitel in den Hotels Waldhaus in Flims und Schatzalp in Davos. Clint Eastwood ging für Im Auftrag des Drachen sogar so weit, selbst an der echten Eiger-Nordwand zu hängen. Auch Extremsportler sprangen für das Remake Point Break (2015) tatsächlich im Wingsuit über dem Walensee ab.
Authentische James Bond Momente
Besonders James Bond bleibt fest mit dem Erbe der Schweiz verbunden. Alles begann mit Goldfinger, als Sean Connery seinen Aston Martin real über den Furkapass jagte. Die berühmte Aurora-Tankstelle in Andermatt existiert heute noch als geschütztes Baudenkmal, auch wenn die Zapfsäulen nach der Stilllegung im Jahr 2014 entfernt wurden. Für Im Geheimdienst Ihrer Majestät half das Filmteam sogar bei der Fertigstellung des Piz Gloria auf dem Schilthorn, während George Lazenby in Mürren und Lauterbrunnen im echten Schnee stand. Später vollführte der Stuntman Wayne Michaels für Pierce Brosnan in GoldenEye jenen legendären Bungee-Sprung von der Verzasca-Staumauer im Verzascatal, der bis heute als einer der spektakulärsten Stunts der Filmgeschichte gilt.
Warum wir belogen werden: Das Geld regiert die Kamera
Dass Hollywood sparen muss, ist kein Geheimnis. Aber wenn man das Landwasserviadukt als Alibi in die Kamera hält, nur um danach zwei Stunden lang in brandenburgischen Heilstätten herumzugeistern, grenzt das an visuellen Etikettenschwindel. Die Entscheidung gegen die Schweiz war rein mathematisch. Die deutsche Filmförderung unterstützte das Projekt mit rund 9 Millionen Euro. Hollywood hat die Schweizer Identität hier für ein paar Millionen Euro an die deutsche Filmförderung verkauft.
Ein Fazit: Ist künstlerische Freiheit eine Entschuldigung?
Ist es denn nun wirklich so schlimm, dass sich ein Hollywoodfilm nicht an die geografische oder kulturelle Wahrheit hält? Eigentlich nicht. Schweizer:innen sind es gewohnt, dass unser Land in US-Produktionen meist auf klassische Klischees reduziert wird: Berge, Banken, die sprichwörtliche Neutralität (Bsp.: «I’m neutral, like Switzerland.») oder eben die allgegenwärtigen Uhren. Ein Klischee basiert immerhin noch auf einer Wahrheit.
Doch bei A Cure for Wellness verlassen wir diesen Boden und bewegen uns im Bereich der reinen Ignoranz. Wenn das Bündnerland plötzlich im Aargau liegt und die Kulisse wie ein verstaubtes Museum aus einem fiktiven Deutschland wirkt, ist das kein Klischee mehr, sondern handwerklicher Pfusch. Wie ich an den positiven Beispielen gezeigt habe, ginge es durchaus anders. Selbst wenn auch dort oft nur Vorurteile abgearbeitet werden, geschieht dies wenigstens mit einem Mindestmass an Respekt vor der tatsächlichen Geografie. Bei Verbinskis Werk hingegen ist die Grenze zur kulturellen Gleichgültigkeit längst überschritten.
Ich habe hier bei weitem nicht alle Ungereimtheiten aufgezählt. Bei jedem weiteren Durchskippen des Films finde ich neue Dinge, bei denen mir die Haare zu Berge stehen. Aber ich denke, dies reicht vorerst aus, um diesem Werk eine absolute Bullshit-Note zu verpassen. Wer die Schweiz kennt oder auch nur eine Landkarte lesen kann, findet hier kein Grusel-Wellness, sondern nur den ultimativen A Cure for WTF.
Quellen
Kein Benzin mehr für James Bond (SRF Artikel)
Bond und Mürren (SRF-Video, CH-DE)
The Girl with the Dragon Tattoo – Locations (Movie Tourist)
15 Schweizer Drehorte, ohne die Hollywood nicht auskommt (Blick Artikel)
On the trail of new film ‚Youth‘ in the Swiss Alps (Independent.co.uk)
The Eiger Sanction (Filmpodium)
Filming Locations Guide: Where was Point Break filmed? (Filming Locations)
Brücke mit Weltruhm. Landwasserviadukt. (graubuenden.ch)
Räthische Bahn (RhB)
